Popcorn in altehrwürdigen Räumen – Kino, wie es sein soll
Titelfoto: © Violetta Wakolbinger
Es war einer dieser Tage mit zu vielen Terminen, zu wenig Pausen und ein paar zwischenmenschlichen Reibereien. Relativ gehetzt mache ich mich vom Marchfeld aus auf den Weg nach Mistelbach. Ein Kinoabend steht am Programm – und ehrlich gesagt hoffe ich auf ein wenig Entspannung. Wobei ich noch nicht weiß, was genau auf mich zukommen wird, denn es ist mein erster Besuch im altehrwürdigen Kronen Kino Mistelbach – einem der wenigen Programmkinos am Land.
Kaum betrete ich die Räumlichkeiten des Kronen Kino Mistelbach, mitten im Herzen der Stadtgemeinde, wandelt sich mein Stress in Vorfreude. Schon auf den Stiegen hinauf Richtung Kinosaal bin ich gedanklich Jahre zurück. In einer Zeit, in der Kino keine Massenabfertigung mit Popcorn-Giganten und Hollywood-Blockbustern war, sondern Kulturgenuss.
Oben angekommen rieche ich es: frisches Popcorn. Ein Duft, der sofort vertraut ist. Beim Eingang warten bereits Herbert Marko und Manfred Asperger auf mich – bereit für ein Gespräch über das Kronen Kino und den Kulturverein film.kunst.kino, der sich seit Jahren mit viel Herzblut dem Programmkino am Land verschrieben hat.



Kino aus Überzeugung
Herbert Marko ist Obmann des Vereins. Kino ist für ihn kein bloßes Hobby, sondern Leidenschaft. Er hat im Wiener Schikaneder und im Topkino gearbeitet. Irgendwann kam der Wunsch auf, ein Programmkino am Land zu initiieren.
Herr Liu, der damalige Besitzer des 1929 gegründeten Kronen Kinos, machte mit. Über die Stadtgemeinde kam der Kontakt zu Manfred Asperger zustande, heute Schriftführer des Vereins. Manfred war über zehn Jahre bei einem Wiener TV-Sender tätig, hat Kurzfilme gedreht, ist Filmmensch durch und durch. Als kulturinteressierter Beobachter hörte er vom Verein – und blieb.
2011 startete das damals noch sehr kleine Team. Zunächst mit ein- bis zwei Programmkinoterminen pro Monat. 2019 folgte ein Einschnitt: Herr Liu ging in Pension, kurz darauf veränderte die Pandemie alles. Doch das Team machte weiter und pachtete schließlich das Kino mit seinen drei Sälen.
Nach Corona blieb das Kino zunächst geschlossen. Ein anderer Betreiber pachtete kurzzeitig die beiden kleineren Säle, hörte jedoch relativ rasch wieder auf. Der Verein blieb – und stemmt seitdem alles selbst. Ab 2020 wurde das Filmangebot erhöht, später kamen Veranstaltungen dazu. Eine neue Phase begann.



Viele Hände, ein Ziel
Heute zählt der Verein über 20 aktive Mitglieder. Viele davon sind Stammpublikum. Menschen, die nicht nur kommen, sondern mittragen. Ohne sie wäre es nicht machbar: vier bis sechs Filme plus Veranstaltung pro Monat, dazu Buffet, Weinbar, Kassa und Technik.
Und immer wieder diese Bestätigung: Das Publikum ist zufrieden. Es will, dass es weitergeht. Und hilft mit.
Während Corona wagte man ein Crowdfunding, um das Kino technisch aufzurüsten. Ziel waren 15.000 Euro – am Ende kamen 20.000 zusammen. Möglich durch den unermüdlichen Einsatz des Teams, zahlreiche Videos und Social-Media-Posts. Investiert wurde in Infrastruktur und Technik. Und ganz nebenbei brachte das Crowdfunding etwas mindestens genauso Wertvolles: Aufmerksamkeit, neue Gesichter und frische Energie.
Vertrauen ins Programm
Dass das Programm abseits des Mainstreams sein muss, war von Anfang an klar – auch als Kulturauftrag des Landes mit entsprechenden Vorgaben. Die Filmauswahl liegt seit Beginn bei Herbert. Er schaut viel selbst, kennt die Szene und weiß, was passen könnte. Und er weiß auch: Es gibt kein richtig oder falsch. Geschmäcker sind verschieden.
Manche Filme gehen erwartbar gut. Bei anderen hofft man. Und manchmal rechnet man mit 30 Besucher:innen – und plötzlich sitzen 120 im Saal. Ein großes Plus ist die langjährige Arbeit: Über 15 Jahre hat sich ein Stammpublikum entwickelt. Menschen, die gar nicht wissen müssen, was läuft. Sie vertrauen Herberts Auswahl.
Natürlich ist das Publikum – wie bei vielen Kulturbetrieben – oft 60 plus. Das Stadt-Land-Gefälle ist spürbar. Die Jugend zu erreichen bleibt eine Herausforderung. Deshalb richtet sich ein Teil der Veranstaltungen bewusst an ein jüngeres Publikum zwischen 30 und 50. Für das nächste Viertelfestival 2026 wurde ein dreitägiges Jugendfestival eingereicht – mit Livemusik und Public Viewing des Song Contests.
Einmal im Monat gibt es Kinderfilme, die gut funktionieren. Dazu kommen Schulvorstellungen. Junge Menschen sollen ins Kino finden. Und sehen, dass es dieses Kino gibt.
Die Frage nach dem Warum
Ich frage, warum man sich das alles antut. Ehrenamtlich, mit viel Zeitaufwand.
Manfred antwortet:
„Weil es für das Publikum ist. Weil man sieht, dass unsere Arbeit wertgeschätzt wird. Wenn Menschen nach dem Film bleiben, mit uns plaudern, uns danken.“
Herbert ergänzt:
„Wenn die Jugend irgendwann nicht mehr ins Kino geht, stirbt Kino aus. Wenn wir vor 15 Jahren nicht angetreten wären, wäre hier längst Schluss. Diese Vorstellung ist für mich ein Horrorszenario. Ich kämpfe dafür, dass es Orte am Land gibt, wo Kino möglich ist. Und wie schön ist es, wenn das in einem Gebäude passiert, das genau dafür vor knapp hundert Jahren gemacht wurde. Gleichzeitig bin ich realistisch genug zu wissen, dass das nicht ewig so gehen wird. Umso wichtiger ist jeder Abend, der gelingt.“
Dann fällt auch das Stichwort Dankbarkeit: gegenüber Herrn Liu und Frau Liu. Denn ohne sie gäbe es dieses Kino längst nicht mehr.
Ein Haus mit Geschichte – und Zukunft
Das Kronen Kino Mistelbach ist kein x-beliebiger Ort. Die erste Vorstellung lief 1929 – damals das erste Tonkino der Stadt, betrieben von der Familie Heindl. Der große Saal war einzigartig im Weinviertel und wurde auch für Bälle, Konzerte und Theater genutzt.
Seit den 1990er Jahren ist das Kino im Besitz von Weirong Liu, der es technisch modernisierte, digitalisierte und auf drei Säle ausbaute. Heute fasst Saal 1 knapp 200 Plätze, die kleineren Säle jeweils 47.
Das Ziel des Vereins film.kunst.kino ist klar: Dieses Traditionskino soll weiterleben. Und 2029 – zum 100-jährigen Bestehen – gefeiert werden.
Der Verein hat sich seit 2011 zu einer fixen Größe im Weinviertler Kulturleben entwickelt. Gezeigt werden österreichische, europäische und internationale Programmkinofilme – anspruchsvoll, schräg, berührend, ungewöhnlich. Abseits des Mainstreams.
Dazu kommen Themenschwerpunkte, Kinderfilme, Sonntagsmatineen und das Sommerkino im Hof des MAMUZ Museums. Seit 2023 wird der historische Saal wieder verstärkt als Kulturraum genutzt – für Kabarett, Theater, Lesungen und Musik. Der Saal ist auch mietbar und offen für neue Ideen.
Anerkennung, die gut tut
Dass diese Arbeit gesehen wird, zeigt auch der Österreichische Kinopreis des BMWKMS. Das Kronen Kino Mistelbach erhielt einen Anerkennungspreis für engagierte Zielgruppenarbeit – eine schöne Bestätigung für jahrelanges Durchhalten.
Als ich später im Saal sitze und auf den Beginn des französischen Weihnachtsfilms „Das perfekte Geschenk“ warte, denke ich: Genau so fühlt sich Kino an. Ein Ort zum Ankommen. Mit Menschen, die sich hier wohlfühlen – und sich für ein paar Stunden eine Auszeit vom Alltag gönnen.
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