Sternenkinder und ihre Mütter: Ein Kampf um Anerkennung

Der Verlust eines Kindes während der Schwangerschaft ist für viele Frauen ein tiefer Einschnitt – körperlich wie seelisch. Dennoch stehen Betroffene in Österreich oft ohne rechtliche Absicherung da. Vor allem Mütter von sogenannten Sternenkindern, die bei der Geburt weniger als 500 Gramm wiegen und keine Lebenszeichen zeigen, haben bis heute kaum Rechte. Eine Situation, die nicht nur medizinisch und gesellschaftlich, sondern auch rechtlich zunehmend infrage gestellt wird.

Eine, die sich damit nicht abfindet, ist die Gänserndorferin Monika Romaniewicz. Juristin, Mutter eines Sternenkindes und einer zweijährigen Tochter, Obfrau des Vereins „Rechte für Sternchenmamas“ – und eine Frau mit langem Atem. Seit Jahren kämpft sie dafür, dass Frauen nach einem Schwangerschaftsverlust endlich jene Unterstützung erhalten, die ihnen zusteht.

Eine Gesetzeslage aus einer anderen Zeit

Was viele nicht wissen: In Österreich haben Mütter von Sternenkindern, die weniger als 500 Gramm wiegen, keinen Anspruch auf zentrale Leistungen, die für andere Mütter selbstverständlich sind. Dazu zählen insbesondere

1.     kein Beschäftigungsverbot (Mutterschutz) und kein Wochengeld, obwohl die Frauen ihr Kind gebären, ein Wochenbett einhalten müssen und körperliche Nachsorge – etwa Rückbildung – benötigen,

2.     keine Hebammenbegleitung (diese wird erst ab der 19. Schwangerschaftswoche übernommen; seit 2024 in einigen Fällen zumindest ab der vollendeten 18. Woche),

3.     kein bundesweiter Bestattungskostenbeitrag.

Der Grund dafür liegt in einer Gesetzeslage aus den 1950er Jahren und einer Rechtsprechung aus den 1970er- und 1980er-Jahren. Regelungen, die laut Romaniewicz aus heutiger Sicht gleichheitswidrig und verfassungsrechtlich problematisch sind.

Vom persönlichen Verlust zur politischen Bewegung

Es ist mittlerweile über ein Jahr her, dass ich Monika Romaniewicz erstmals interviewt habe – damals noch in meiner Rolle als Redakteurin einer Lokalzeitung – und auch als Frau und Mutter. Schon damals beeindruckte mich ihre Klarheit, ihre Energie und ihr unerschütterlicher Wille, etwas zu verändern.

Der Verein „Rechte für Sternchenmamas“ wurde 2022 von Romaniewicz gemeinsam mit Hebamme Miriam Jakl, Christian und Anton gegründet – aus eigener Erfahrung heraus. Aus dem Erleben, wie es ist, nach einem Schwangerschaftsverlust ohne rechtliche Anerkennung und ohne Unterstützung dazustehen.

Dabei ist das Thema alles andere als ein Randphänomen: Jede vierte Schwangerschaft endet in einer Fehlgeburt. Für die betroffenen Frauen und Familien ist der Verlust oft traumatisch – gesellschaftlich jedoch bleibt er häufig tabuisiert.

„Mut zeigen!“ – Forderungen für echte Unterstützung

Mit der Bürgerinitiative „Mut zeigen!“ setzt sich der Verein für konkrete gesetzliche Veränderungen ein. Zu den zentralen Forderungen zählen unter anderem:

  • Mutterschutz auch nach einem Schwangerschaftsverlust, und zwar ab der vollendeten 13. Schwangerschaftswoche,
  • Hebammenbetreuung ab Feststellung der Schwangerschaft, nicht erst ab der 18. bzw. 19. Woche,
  • ein gestaffelter Kündigungsschutz für betroffene Eltern,
  • zwei Wochen vergütete Freistellung für Partner*innen,
  • Kostenübernahme für psychologische Nachbetreuung,
  • ein besserer Schutz vor Schwangerschaftsverlusten durch eine Erweiterung des Katalogs für den vorzeitigen Mutterschutz,
  • ein bundesweiter Bestattungskostenbeitrag für Sternenkinder.

Erste Erfolge

Der Weg dorthin ist mühsam. Gespräche mit Politikerinnen und Politiker fast aller Couleurs, tägliche Präsenz im Parlament, unzählige Medienkontakte – Überzeugungsarbeit, die Kraft kostet. Doch es gibt auch Fortschritte.

In Kärnten wurde bereits ein Beschluss gefasst, mit dem die Bundesregierung aufgefordert wird, Mutterschutz nach Schwangerschaftsverlust einzuführen. In Niederösterreich ist das Thema angekommen: Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner hat zum Internationalen Tag der Sternenkinder eingeladen, Förderanfragen wurden positiv aufgenommen.

Auf Bundesebene brachte zunächst die SPÖ entsprechende Anträge ein, die Regierung lehnte diese jedoch ab. Erst im Juni 2024 wurde ein Maßnahmenpaket beschlossen – darunter die Hebammenbetreuung ab der vollendeten 18. Schwangerschaftswoche sowie die Einrichtung einer Arbeitsgruppe zum Mutterschutz. Diese tagte allerdings nur zwei- bis dreimal – danach blieb es still.

Abtreibungsdebatte als Stolperstein

Immer wieder stößt Romaniewicz auf ein sensibles Argument: die Sorge, eine Ausweitung des Mutterschutzes könnte die Abtreibungsrechte einschränken. Ein Vorwurf, den sie entschieden zurückweist.

„Wir dürfen Mutterschutz und Abtreibungsrechte nicht vermischen“, sagt sie. „Beides sind Rechte für Frauen. Sie müssen nebeneinander bestehen können.“

Neue Aufmerksamkeit durch Medien und Kirche

Im Herbst 2025 trat Romaniewicz in Kontakt mit dem Kabinett von Familienministerin Claudia Plakolm. Dort wurde signalisiert, dass das Thema ernstgenommen werde. Gemeinsam wurde überlegt, wie man die Botschaft breiter in die Öffentlichkeit tragen könne.

Ein Gottesdienst mit Dompfarrer Toni Faber, Medienansprachen, die Zusammenarbeit mit dem Verein Regenbogen, ein offener Brief sowie Unterstützung durch ORF-Journalistin Alexandra Wachter sorgten für neue Aufmerksamkeit. Beiträge unter anderem in der Wochenzeitung Profil folgten.

Persönliche Geschichten als Motor

Im direkten Kontakt mit Betroffenen zeigt sich, worum es wirklich geht. Rund 20 Frauen wurden im vergangenen Jahr von Romaniewicz, Hebamme Miriam Jakl und einer Psychologin begleitet. Jede Geschichte anders, jede schmerzhaft – und jede ein Argument dafür, dass sich etwas ändern muss.

„Für uns ist der Weg das Ziel“, sagt Romaniewicz. „Es wird irgendwann eine Änderung geben. Und dafür lohnt es sich zu kämpfen.“

Oder, wie sie es selbst formuliert:
„Wer Mut zeigt, macht Mut.“
Und genau das tut Monika Romaniewicz – Tag für Tag.

Titelbild: Anna Waldherr

Du liest mit Begeisterung unsere Beiträge und möchtest einen Teil zu unserer Arbeit beitragen? Dann unterstütze uns hier.

Das ist übrigens auch lesenswert:

Tipps fürs Wochenende: Miteinander Netzwerken, viel Musik & ganz viel Remasuri

Tipps fürs Wochenende: Miteinander Netzwerken, viel Musik & ganz viel Remasuri 13. bis 15. Februar 2026 Dieses Wochenende hat’s[…]

Von der Weinlaune zum Wienerlied Festival in Sierndorf

Von der Weinlaune zum Wienerlied Festival in Sierndorf Ich verrate nichts Neues, wenn ich sage, dass mein Herz für[…]

Unter dem Banner der Hohenzollern: die Veste Wolkersdorf 

   Was wäre ein Schloss ohne Geheimnisse? Wolkersdorf birgt einige davon – und einer kennt (fast) alle: der Wolkersdorfer[…]

No responses yet

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert