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“G’rammelt voll – seit Jahrzehnten!” Eine echt lange Wirtshausgeschichte.

Fotos © Regina Courtier

Als ich zum ersten Mal einen Termin in Gittis Gasthaus wahr genommen habe, war ich erstaunt, dass das Wirtshaus am Kreisverkehr in Jedenspeigen überhaupt noch bewirtschaftet wird. Ich war der Meinung es hätte längst “dauerhaft” geschlossen. Noch mehr überrascht hat mich, wie voll es war als ich eintraf. Übervoll! „G’rammelt“ voll!
Und daher rührt auch der Name der Gaststätte, den ihr die Jedenspeigener liebevoll verliehen haben, nämlich: „Gittis Grammelhütte“.
Die Wirtin, Brigitta „Gitti“ Haellmeister, habe ich nur wenig gesehen, da sie im Service beansprucht war, aber mir ist aufgefallen, mit welcher Hingabe sie sich ihrem Beruf widmet, umso mehr hat es mich gefreut, dass sie zu einem späteren Zeitpunkt einem Interview mit mir, Regina Courtier, Redakteurin vom Weinviertel-Remasuri, zugestimmt hat.
Es wurde ein interessantes, lustiges und zugleich berührendes Gespräch, bei einem Glas Wein im Sonnenschein, im Hof dieses alten Gasthauses, der ebenso voll ist mit Geschichten, wie Gitti selbst.


Die junge Frau aus Wien

„Ich war 19, als ich beschlossen habe, ein Wirtshaus zu führen. In Wien gab es nichts Gescheites für mich. Also bin ich in Jedenspeigen gelandet und habe nach eingehender Überlegung und Begutachtung dieses uralten Wirtshauses den Pachtvertrag unterschrieben.
Und da stand ich nun!
Mit meiner Freundin Lotte, zwei Koffern und zwei Reisetaschen voll mit Putzutensilien, die wir aus Wien mitgebracht hatten am Bahnhof in Jedenspeigen. Wohl wissend, dass wir vermutlich ein halbes Jahr würden putzen müssen, um aus der Gastwirtschaft einen Ort zu machen, den man den Gästen zumuten kann“
, erzählt Gitti heute

Das Gasthaus dürfte Ende des 19. Jahrhunderts gebaut worden sein. Erste Fotos stammen aus dem Jahr 1904. Damals hieß es „Einkehrgasthaus Michael Kraus“.
Es wurde danach von Felix Ernst erworben und erhielt vermutlich damit in den 1930er-Jahren den Namen “Gasthaus Rudolf von Habsburg”.
Meine Recherchen sind lückenhaft, aber man kann sich gut vorstellen, in welchem Zustand das alte Haus gewesen sein muss, als Gitti hierherzog, um ihr Glück als Gastwirtin zu versuchen.
Dabei war ihr durchaus klar, worauf sie sich einließ, denn sie war ein Wirtshauskind und ziemlich mutig für die damalige Zeit. Mit 17 Jahren aufgrund ihrer Integrität und starken Persönlichkeit vorzeitig in Wien für mündig erklärt, war sie für den Job hier als Wirtin prädistiniert.

„Es war absolut ungewöhnlich für damalige Zeiten, dass ein Mädchen wie ich, mit knapp 20 Jahren hier ein Wirtshaus übernahm“, erzählt sie. „Stell dir vor: nur Männer in der Schankstube und ich als Jungwirtin. Da hat sich schon so mancher was zu erlauben versucht. Einem habe ich dann Eine geprackt, weil er gar so aufdringlich war. Damit habe ich mir den nötigen Respekt verschafft.“, schildert Gitti beherzt.


Das Fenster des Überlebens

Fünf Monate später, im November 1972, nachdem Gitti als Gastwirtin hier Fuß gefasst hatte, brach die Maul- und Klauenseuche aus.
Der Bezirk wurde großräumig gesperrt. Niemand durfte hinein oder hinaus, überall wurde desinfiziert. Menschen konnten zwar nicht erkranken, waren aber hervorragende Virusüberträger – man erinnere sich an die Seuchenteppiche und die Sohlen, die plötzlich von den Schuhen hingen, weil die Dosis des Desinfektionsmittels so hoch war!
Veranstaltungen wurden abgesagt, Gasthäuser und andere Einrichtungen dieser Art heruntergefahren. Die Menschen sollten daheim bleiben.

Das kann sich heute niemand mehr vorstellen. Wir Selbständige bekamen weiter unsere Gebührenvorschreibungen, hatten aber überhaupt kein Einkommen“, erzählt Gitti. „Null Unterstützung vom Staat. Nicht einmal eine Steuererleichterung wurde angedacht.“

Also wurde das „Fenster des Überlebens“ kreiert. Ein Fenster zur Straße, hinter der Schank.
Gitti schenkte also, „unter der Budel“, den „Weißen Spritzer des Glücks“ aus – von irgendetwas musste die junge Frau schließlich leben. Und die Jedenspeig’ner, von jeher treue Gäste, machten von diesem verbotenen Tröpferl nur all zu gerne Gebrauch und schlichen sich, nach ihrem Einkauf, über die nahegelegene Greißlerei zu dem verbotenen, “offenen” Fenster.
„Dennoch – an die zwanzig Mal wurde ich angezeigt. Die Strafen die ich zu zahlen hatte waren ein anderes Kapitel…“ so die Wirtin.


Die Kultwirtin

Das Schicksal wollte es, dass Gittis Sohn 2016, viel zu früh verstarb. Eine unendlich traurige Erfahrung, die mit zu Gittis Geschichte gehört, auch wenn sie kaum darüber spricht.
Die Wirtin etablierte sich trotz all der Aufgaben die ihr das Leben bescherte, zu einer prägenden Persönlichkeit den Ortes.
Sie führt nach wie vor die letzte offene Gastwirtschaft in Jedenspeigen, in der in den letzten 50 Jahren so gut wie alles über die Bühne gegangen ist:
Aufführungen der Dorftheatergruppe, Traditionelle Kirtage, Feuerwehrbälle, Kindermaskenbälle, Gschnas, Vereinsfeiern – jeder nur erdenkliche Anlass fand hier seinen Platz um zelebriert zu werden.
Seit vielen Jahren trifft sich auch jeden Sonntag eine Frauengruppe hier zum Bauernschnapsen. Auch ein Jugendfrühschoppen findet hier noch immer regelmäßig statt. Das Gasthaus war und ist ein Ort, wo man sich kennen gelernt und getroffen hat.
Gitti hat vier Generationen Jedenspeig’ner „gemacht“ und fünf Feuerwehrhauptmänner.
Etwas, das Roland Sperk, der beim Interview mit dabei war, mit einem breiten Grinser bestätigte:
„…und ich habe mir hier mit drei Jahren alleine mein erstes Eis gekauft. Gitti weiß einfach alles von mir!“
Gitti liebt ihre Gäste und ihre Gäste lieben sie!


Auflagen und Gesetze

2016 wurden die Auflagen für Gastwirte straff angezogen. Allergenverordnung, Barrierefreiheit und die Registrierkassa wurden ein Thema. Kaum hatte Gitti das im Griff, wurde 2018 das Rauchverbot eingeführt. Als besondere Würze zu all den Umständen, kamen ab 2020 noch ein paar Corona-Lockdowns dazu.

„Aber das Schlimmste, was ich bisher in meiner Laufbahn als Gastwirtin erlebt habe, ist die heutige Personalsituation, die mit der Pandemie einherging. Koch- und Servicepersonal sind vom Arbeitsmarkt verschwunden. Niemand möchte mehr am Wochenende, oder überhaupt im Gastgewerbe arbeiten.
Kommt jemand vom Arbeitsamt, will er oft nur den sprichwörtlichen „Stempel”. Stelle ich jemanden ein, ist er innerhalb von Tagen im Krankenstand, oder ich werde nicht fertig damit, Qualitätsmängel nachzuarbeiten
“, empört sich Gitti.


Arbeit ist Leben und Therapie zugleich

„Wir können uns gar nicht vorstellen, in irgendeiner Form untätig zu sein“, sagen Gitti und Pepi im Gespräch.
Unlängst musste sie sogar eine große Gesellschaft absagen. Aber alleine mit dem Pepi ist das heute nicht mehr zu bewältigen. Beide sind mittlerweile über siebzig und alles geht etwas langsamer.
Pepi Koderholt ist Gittis Lebensmensch und immer an ihrer Seite. Er unterstützt den Gastbetrieb und seine Gitti, wo immer es möglich ist.
„Für mich ist die Arbeit im Wirtshaus eine vom Arzt verordnete Therapie. Und ich mache das sehr gerne“, erzählt mir Pepi.

Gearbeitet wird also, solange es Freude macht und möglich ist.
Geöffnet ist mittlerweile nur noch Donnerstag und Freitag ab 17 Uhr sowie Sonntag ab 9.30 Uhr.

Bei Brigitta Haellmeister ist übrigens alles analog.
Wurde der alte Holzboden frisch geölt, die Sperrstunde früher angesetzt, oder Gitti und Pepi machen Urlaub, wird mit einem Tixobandl ganz einfach ein handgeschriebener Informationszettel an die Tür geklebt.
Einen Internetauftritt braucht es also nicht und gibt es auch nicht. Hier kennt sich jeder aus.
Wer in Gittis Grammelhütte essen will, weiß wie er den Weg dahin findet.
Ihr findet das kauzig?
Ist es auch!
Aber jemand, der wie Brigitte Haellmeister so lange im Geschäft ist und bis heute als Wirtin überlebt hat, braucht nur eines: Weiter die Treue ihrer Gäste – und die Wertschätzung ihrer Arbeit!

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