Zwischen Schrott und Edelstein: Ein Bergwerk der Kunst
Als „Schrott-Künstler“ ist er bekannt – und das so liebevoll gemeint, wie man es nur sagen kann. Andere nennen ihn den ersten künstlerischen Upcycler Wolkersdorfs oder schlicht den „eisernen Otto“. Doch nur wenige Weinviertler wissen von seiner anderen Seite, jener, der er Jahrzehnte seines Lebens verschrieben hat: der burgenländischen Edelstein-Kunst.

Sein Atelier im Wolkersdorfer Schloss ist längst verwaist, und doch scheint der Geist des großen Künstlers, der 2022 verstarb, im Schlosspark noch gegenwärtig. Dort erhebt sich eine seiner berühmtesten Skulpturen aus Alteisen: Don Quijote und Sancho Panza, verewigt im endlosen Kampf gegen imaginäre Windmühlen. Die meisten Werke aus Otto Potschs Nachlass aber fanden ihren Weg weiter in den Süden – ins burgenländische Bernstein, in das Felsenmuseum, das nun sein künstlerisches Erbe bewahrt. Das Museum – ja, das steht heute zu Ehren seines Gründers. Tatsächlich ist es kein posthumer Reliquienschrein des Weinviertler Künstlers, sondern viel mehr. Gebaut hat es Otto Potsch selbst, mit eigenen Mitteln und aus seiner ureigenen Idee heraus. Denn lange Zeit waren Berndorf, die Familie Piringer und der Edelserpentin sein Lebensmittelpunkt.


Otto Potschs Kunstwerke aus Edelserpentin. © Ulrike Potmesil
Geboren wurde Otto Potsch in Wien. Schon als Bub zeigte sich sein außergewöhnliches Talent: Mit vierzehn Jahren schnitzte er Schachfiguren aus Elfenbein, deren Präzision und Eleganz seinen Lehrer so beeindruckten, dass dieser beschloss, den begabten Schüler zu fördern. Der Beruf des Drechslers war seine handwerkliche Basis – die Kunst aber, die er aus diesem Handwerk herauswachsen ließ, war von Anfang an sein Ziel. 1957 trat das Burgenland in sein Leben. Der Unternehmer Josef Piringer bat den jungen Potsch, für seine Edelserpentin-Schleiferei Figuren anzufertigen. Potsch nahm den Auftrag an – und fand nicht nur seine Leidenschaft für Tierskulpturen, sondern auch die Liebe seines Lebens: Piringers Tochter.

Gemeinsam gründeten sie eine Familie, deren Geschichte bis heute untrennbar mit Kunst und Stein verbunden ist. Die Söhne, Andreas in Wolkersdorf und Niko in Bernstein, verwalten das Erbe ihres Vaters. Niko führt, zusammen mit seiner Familie, das Bernsteiner Felsenmuseum – ein lebendiger Ort der Kunst, den Otto Potsch 1976 ins Leben rief. „Die Leute im Ort haben sich bestimmt gewundert, als mein Papa, der ‘Zuagroaste’, beschloss, einen Schaustollen unter dem Haus der Piringers zu bauen“, erzählt Niko mit einem Lächeln. Die ganze Familie packte mit an. Finanziert wurde das ehrgeizige Projekt mit Eigenmitteln – gewonnen aus einer ungewöhnlichen Quelle: der Calabash-Pfeifenschnitzerei. Diese aus Kürbissen gefertigten Stücke sind auch bekannt als Sherlock-Holmes-Pfeifen. Otto Potsch hatte von einer Wiener Manufaktur den Auftrag erhalten, 5.000 Pfeifen herzustellen. Am Ende wurden es 80.000 – und ein Teil des Verdienstes floss direkt in das Museum, das 1980 eröffnet wurde.



Das Felsenmuseum in Bernstein. © Ulrike Potmesil
Seither führt der Weg der Besucher durch einen künstlichen Schaustollen, hinein in die Geschichte des Bernsteiner Bergbaus. Dort erfährt man, dass hier im Jahr 1574 nicht nur Kupfer, Schwefel, Silber und sogar Gold abgebaut wurden, sondern vor allem ein weltweit einzigartiger Schatz: der grüne Edelserpentin. Dieses vulkanische Gestein, wegen seiner leuchtenden Farbe auch „Österreichische Jade“ genannt, wurde bis 1920 unter Tage gewonnen. Anders als der “Gemeine Serpentin”, der industriell abgebaut und in großen Mengen für den Straßenbau verwendet wird, lässt sich Edelserpentin bis heute nur mühsam von Hand aus unzähligen Kubikmetern Gestein herauslösen. Schon 1860 hatte Josef Höfer, direkter Vorfahr der Familie Potsch, begonnen, dieses rare Material zu bearbeiten – eine Tradition, die bis in die Gegenwart fortwirkt.


Kunst aus Edelserpentin im Felsenmuseum Bernstein. © Ulrike Potmesil
Heute sind es Andreas und Niko, die das Familienerbe weitertragen. Wie ihre Vorfahren formen sie Vasen, Becher, Schalen und Figuren – jedes Stück ein Zeugnis jener Verbindung aus Handwerk, Leidenschaft und künstlerischer Vision, die schon den Vater auszeichnete. Ein Teil des Museums ist dem Gesamtwerk von Otto Potsch gewidmet – und hier begegnet man auch der berühmten „Chinesischen Sphärenkugel“, der sogenannten Wunderkugel. Die erste erschuf er bereits mit 19 Jahren. In einem ausgestellten Faksimile eines Briefes an Potsch berichtet der Schreiber von einer zufälligen Begegnung während einer Busfahrt: Damals vertraute der junge, noch unbekannte Künstler ihm an, dass er dem seit Jahrhunderten streng gehüteten Geheimnis asiatischer Elfenbeinschnitzer auf der Spur sei. Sein Traum: die Herstellung der sagenumwobenen Sphärenkugel. Der zufällige Sitznachbar bedauerte den „armen Träumer“ – nicht ahnend, dass dieser Traum Wirklichkeit werden würde.



Otto Potsch gelang die Herstellung der Sphärenkugel. @ Ulrike Potmesil
Als Otto Potsch die kunstvoll geschichtete Elfenbeinkugel schließlich vollendete, erregte er in Fachkreisen großes Aufsehen. Die Faszination ließ ihn nie wieder los: Als einzigem Künstler gelang es ihm, eine Sphärenkugel auch aus Edelserpentin zu fertigen. Und im Alter von 79 Jahren schuf er eine weitere Wunderkugel – diesmal aus Bernstein. Das versteinerte Harz gehört ebenfalls zu jenen Materialien, die ihn nicht losließen. Er widmete ihm eine Reihe von Makrofotografien, schuf und sammelte Schmuckstücke und Kunstwerke aus Bernstein, die heute im Felsenmuseum zu sehen sind. Doch auch seine Wolkersdorfer Schaffensphase ist hier präsent – jene Werke, die ihn als „Schrott-Künstler“ bekannt machten. „Irgendwann begann mein Vater, seine gesammelten Pflüge und Alteisenteile zu bearbeiten. Eigentlich hatte er von Schweißen und Schmieden keine Ahnung – aber er probierte einfach, lernte durch das Tun“, erzählt Niko Potsch.



Die Vielfalt der Kunst von Otto Potsch: Aus Alteisen, aus Bernstein, mit der Fotokamera. © Ulrike Potmesil
So entstanden Figuren von erstaunlicher Leichtigkeit, gefertigt aus rostigem Eisen, das er zu Körpern von fast transparenter Anmutung verschmolz. Die Gesichter, aus altem Metall geformt, sprechen eine Sprache, die unverwechselbar ist: ironisch, humorvoll, ehrlich. Selbst sein letztes, unvollendetes Werk ist im Museum zu sehen – eine Krippe, an der er noch am letzten Tag vor seinem Tod gearbeitet hatte.
Otto Potschs künstlerisches Erbe lebt weiter – nicht nur in seinen Kindern, sondern bereits in der nächsten Generation. Enkeltochter Lisa lächelt: „Ich habe so viel Zeit in seiner Nähe verbracht. Seit ich einen Stift halten kann, male und musiziere ich.“ Und ihre Mutter Christine ergänzt: „Die Gravuren, die Lisa anfertigt, tragen die Handschrift des Großvaters.“
Titelfoto: © Ulrike Potmesil
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