Singen im Mondschein: Karaoke mit dem Wiener Kabinett Orchester am Kellerberg

Wer glaubt, Karaoke gehöre nur in verruchte Bars mit Bildschirm und Mikrofon, hat das Wienerlied-Festival am Kellerberg noch nicht erlebt. Dort funktioniert das Ganze nämlich ganz anders: analog, mitten in der Kellergasse, begleitet von echten Musikerinnen und Musikern – und mit jeder Menge Wiener Schmäh.

Verantwortlich für dieses besondere Erlebnis ist das Wiener Kabinett Orchester, das beim Festival zu einem Fixpunkt geworden ist. Kennengelernt hat das Ensemble Roland Sperk, Obmann des Vereins Landpartie am Kellerberg und Initiator des Wienerlied-Festivals beim Schrammelklang-Festival in Litschau. Dort trafen die vier erstmals aufeinander – einige Monate später stand das Wiener Kabinett Orchester beim „Kleinsten Neujahrskonzert der Welt“ im Schloss Jedenspeigen auf der Bühne. Und schließlich auch beim Wienerlied-Festival am Kellerberg.

Die Idee mit dem Karaoke kam von den drei Musikerinnen und Musikern selbst:

„Wir haben Roland das eigentlich aufgenötigt“, erzählt Silvester Janiba, Akkordeonist, Sänger und Gründer des Ensembles, mit einem Augenzwinkern. „Er war zuerst nicht wirklich begeistert. Ich hab dann gesagt: Wenn keiner kommt, spielen wir halt einfach.“

Was dann passierte, wurde zu einem der charmantesten Momente des Festivals.

Vom Versuch zum Publikumsliebling

Eigentlich waren für das Karaoke nur 30 Minuten geplant. Doch als die ersten Stimmen erklangen, wollte niemand mehr aufhören. Am Ende wurde eineinhalb Stunden lang gesungen – im Mondschein, mitten in der Kellergasse, mit großartiger Stimmung.

Und das Publikum kam von überall her.

„Es sind sogar zwei Tiroler angereist, die eigene Strophen zu Wienerliedern geschrieben haben“, erinnert sich Roland Sperk.

Die Anmeldung selbst war schon ein kleines Festivalerlebnis: Kinder zogen mit ihren Limonadenwagerln über das Gelände und sammelten Liedwünsche ein. Aus einer Liste konnten sich die Gäste ihre Lieblingslieder aussuchen.

Aus diesen Wünschen bastelte das Wiener Kabinett Orchester anschließend eine Setliste.

„Wir versuchen immer einen roten Faden zu entwickeln – also zu überlegen, welches Lied wann gut passt“, erklärt Judith Waldschütz, die mit Kontrabass und Cellostimme für die rhythmische Basis sorgt. „Und wenn mehrere das gleiche Lied wählen, dann wird halt gemeinsam im Chor gesungen.“

Mit Profis singen – ganz ohne Druck

Das Besondere am Karaoke am Kellerberg: Hier geht es nicht um Perfektion.

„Jeder darf singen, egal wie es sich anhört“, sagt Silvester Janiba. „Wir passen Tempo und Tonart einfach an.“

Das Orchester begleitet live, ohne Mikrofon, ohne Technik – nur mit Instrumenten und Stimmen.

Für viele ist das eine seltene Erfahrung. Denn Musik wirklich analog zu erleben, ohne Verstärkung und gleichzeitig selbst Teil davon zu sein, ist heute gar nicht mehr selbstverständlich.

„Die Menschen haben kaum mehr Gelegenheit, Musik so direkt zu erleben oder auszuprobieren“, meint Janiba. „Hier können sie mit Profis zusammenarbeiten – das ist etwas ganz Besonderes.“

Und auch für die Musiker selbst ist es spannend. Diese Art des Karaoke praktizieren die drei schon seit mehreren Jahren mit ihrem Publikum.

„Wir lernen dabei viel darüber, welche Wienerlieder die Leute wirklich kennen – und wie sie sie interpretieren“, sagt Julia Kainz, die im Orchester Violine spielt und auch die Stimme des Ensembles ist.

Musik mit Leidenschaft – und Wiener Charme

Das Wiener Kabinett Orchester steht seit fast 20 Jahren für Wiener Musiktradition mit Herz und Humor. Der Name kommt übrigens vom „Kabinett“ – einem kleinen Zimmer.

„In so einem Kabinett ist alles Lebensnotwendige vorhanden“, erklärt das Ensemble. „Und zu dritt haben wir auch in jedem noch so kleinen Raum Platz.“

Die Besetzung ist dabei ebenso charmant wie vielseitig:

  • Judith Waldschütz, Kontrabass und rhythmische Basis – aufgewachsen in der Wachau, studierte Blockflöte und Kontrabass in Wien und tanzt sich musikalisch vom Menuett bis zum Wiener Walzer. Wenn sie gerade keine Musik macht, widmet sie sich ihrer zweiten Leidenschaft: der Imkerei.
  • Julia Kainz, Violine und Gesang – verbindet klassische Ausbildung mit herzlicher Wirtshausmusi. In ihrer Freizeit streift sie mit Papiersackerln durch Wald und Wiese und sammelt essbares Grünzeug. Ihr Traum: einmal eine echte Kräuterhexe werden.
  • Silvester Janiba, Akkordeon und Gesang – gebürtiger Wiener und Wirtshaussohn, Gründer des Ensembles und musikalischer Geschichtenerzähler über das Leben in der großen Stadt. Zuhause kümmert er sich liebevoll um eine kleine Hühnerschar.

„Wir spielen Musik zum Nachschenken – Prost!“, lautet das Motto des Orchesters.

Und genau das spürt man auch am Kellerberg.

Singen unter dem Nussbaum

Eigentlich war für das Karaoke beim Festival eine eigene kleine Bühne geplant gewesen. Am Ende entstand der schönste Platz aber ganz spontan: direkt neben der Bühne, unter einem alten Nussbaum.

„Auf Augenhöhe, miteinander“, beschreibt Roland Sperk die Stimmung.

Und genau so soll es auch heuer wieder sein.

Denn das Karaoke mit dem Wiener Kabinett Orchester hat sich längst als Fixpunkt des Wienerlied-Festivals etabliert. Auch beim kommenden Festival wird wieder gemeinsam gesungen – mit Mut, Schmäh und ganz viel Wiener Seele.

Wer also schon immer einmal mit einem echten Orchester ein Wienerlied singen wollte – am Kellerberg gibt es die Gelegenheit dazu.

Und wer weiß:
Vielleicht wird aus den geplanten 30 Minuten ja wieder eine lange Nacht voller Musik.

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