Weinviertel. Meer. Menschen.

Der Künstler Christoph Potmesil und sein Blick auf das Innere 

Fotos: © Ulrike Potmesil

Inspiration gilt als Ursprung jedes Kunstwerks. Folgerichtig müsste das Atelier von Christoph Potmesil mit Seestücken und Dürer-Hasen überquellen. Tut es aber nicht. „Warum eigentlich nicht?“, fragte der Kurator bei der jüngsten Vernissage des Weinviertler Malers. 

Der Künstler antwortete mit einer Gegenfrage: „Was kann mehr im Zentrum künstlerischen Denkens stehen als der Mensch selbst?“ Von den Wänden blicken Gesichter: gequälte, einsame, verzweifelte. Menschen am Ende ihres Lebens ebenso wie Musiker in inniger Verbindung mit ihrem Instrument, Mütter in stiller Nähe zu ihren Kindern, alternde Ehepaare mit skurriler, fast zärtlicher Vertrautheit. Potmesil zeigt Menschen, deren Inneres nach außen gekehrt scheint. „Natürlich weiß auch ein Künstler nicht, was im Kopf eines anderen vorgeht, wie viel Angst, Liebe, Hass oder Begeisterung ihn bewegt“, sagt er. „Aber wenn ich Menschen betrachte, entstehen Bilder und Geschichten. Das Antlitz erzählt mir, was Worte nicht können.“ 

Diese Geschichten speisen sich aus vielen Gegenden der Welt und immer wieder vom Meer. Wenn Potmesil nicht in Malerhose vor der Leinwand steht, umgeben von Farbtöpfen und Kübeln voll Spachtelmasse, steht er mit der Kapitänsmütze an Deck. Bildlich gesprochen zumindest: Tatsächlich steht er in Shorts und T-Shirt auf seiner sehr kleinen, sehr alten Stahlyacht namens Maha Nanda. Zwar ist er waschechter Weinviertler, geboren und aufgewachsen im nordöstlichen Dreiländereck, darüber hinaus aber auch leidenschaftlicher Segler. Die Verwunderung in Familie und Freundeskreis war groß, als er gemeinsam mit seiner Frau beschloss, mit einem Segelboot auf Reisen zu gehen und den Atlantik zu überqueren. Doch die Monate auf See führten zu einem Perspektivwechsel im wörtlichen Sinn. Gerade dieser Kontrast zwischen dem erdverbundenen Weinviertel und der Weite des Atlantiks prägt Potmesils Blick auf den Menschen, seine Sicht auf das Leben und damit auf seine Kunst. 

Mehr als 300 Skizzen entstanden allein im ersten Jahr auf dem Atlantik. Viele davon wurden inzwischen großformatig auf Leinwand übertragen, noch mehr ruhen in Mappen. Ja, auch Seestücke sind dabei. Doch vor allem Porträts finden ihren Weg auf die Leinwand. Menschen, die ihn schon in seinem früheren Beruf fasziniert haben. „Jahrelang habe ich im Spitalswesen verletzte, verwirrte, hilfsbedürftige, wütende und dankbare Menschen erlebt“, erzählt Potmesil, der als Röntgentechnischer Assistent arbeitete. „Ich habe ihre Gesichter betrachtet. Viele Werke sind daraus entstanden. Später, auf Reisen, hat sich dieser Schatz an Menschenbildern erweitert.“ 

Auch Musik hinterließ früh ihre Spuren. Der Vater des Künstlers, Fritz Potmesil, war Gründer und Leader der legendären Weinviertler Unterhaltungsband “Red Devils”. Das Studio befand sich im Elternhaus, Proben und Sessions gehörten zum Alltag, Musiker gingen ein und aus, manche wohnten zeitweise sogar dort. In Potmesils Bildern erscheinen Musiker nicht als Porträtierte im klassischen Sinn, sondern als emotionale Wesen. „Musik ist Ausdruck von Gefühl. In den Gesichtern zeigt sich das Zusammenspiel mit dem Instrument, genau das möchte ich vermitteln.“ 

Formal hat der Künstler eine eigenständige Spachteltechnik entwickelt. Er arbeitet mit Spachtelmasse und Bauwerkzeug, kombiniert Acryl- und Ölfarben mit Lasuren, um eine besondere Leuchtkraft zu erzielen. „Die Grundierung der Leinwand ist mentale Vorbereitung“, sagt er. Danach muss es schnell gehen: Linien werden mit Überzeugung gezogen, Gesichter entstehen, verbinden sich mit dem Hintergrund, verschmelzen mit ihrer Umgebung zu einer scheinbar unstrukturierten, aber schlüssigen Einheit. Die Farbgebung folgt zuletzt, in mehreren Schichten – ein meditativer Prozess, der Stunden oder Tage dauern kann. „Die Linien sind der Körper meiner Bilder“, sagt Potmesil. „Die Farben sind ihre Seele.“ 

Schlechter Kopist

Aufgewachsen ist er in einer regelrechten Pädagogen-Dynastie: Eltern, Großeltern – alle Lehrer. Dass er einen anderen Weg einschlug, hatte fast etwas Revolutionäres. Nach dem humanistischen Gymnasium führte ihn sein Beruf in die Radiologie, die Kunst blieb lange Begleiterin im Hintergrund. „Mit dem Studium Dürers hat alles begonnen“, sagt er lachend und relativiert gleich: Als Kind erhielt er von seinen Großeltern kleine Kunstbände, besonders die Stiche Albrecht Dürers faszinierten ihn. „Es kommt wohl nicht von ungefähr, dass der Dürer-Hase auf jedem Schulzeichenblock prangt.“ Ein guter Kopist sei er nicht gewesen, fügt er schmunzelnd hinzu, „aber ich war ja auch erst zwölf“. 

Später vertiefte er sich systematisch in Kunstgeschichte, besuchte Museen und Ausstellungen, studierte Techniken der großen Meister. „Handwerkliche Weiterentwicklung ist mir enorm wichtig.“ Seine Werke sind figurativ, oft überzeichnet, bisweilen grotesk. Mit Bleistift oder Graphit legt er Linien an, arbeitet mit Proportionen und Schattierungen. Häufig stehen Hände im Zentrum. „Die sind technisch unglaublich spannend“, sagt Potmesil. „Gelenke, Verkürzungen, die komplexe Anatomie – vielleicht hilft mir da meine Vergangenheit als Röntgenassistent.“ Gleichzeitig tragen Hände eine starke symbolische Ebene. In Anlehnung an indische Mudras stehen sie für Emotionen, für eine Wechselwirkung zwischen innerem Zustand und äußerem Ausdruck – ein Prinzip, das sich durch Potmesils Werk zieht. 

Ob seine Bilder den Zeitgeist treffen? „Darum geht es mir nicht“, sagt er. „Kunst ist zeitlos, eine Ur-Ausdrucksform des Menschen. Die Darstellung des Menschen ist universell, doch die technische Umsetzung bleibt letztendlich meine Aufgabe. Das Experiment, das Spiel mit Material und Perspektive.“   

Der Weg geht weiter. Das Jahr auf See markierte eine Zäsur. Heute lebt die Potmesils abwechselnd auf ihrem Boot und in Österreich, statt Nine-to-Five arbeitet der Künstler Eight-to-Eight: Wechselweise in einer Werft auf Gran Canaria und im Atelier in Österreich, derzeit im Burgenland am Neusiedler See. Erneut am Wasser, wo sonst. Die Malerei steht längst im Mittelpunkt, und das mit sichtbarem Erfolg. Potmesil stellt in einer renommierten Galerie in der Wiener Innenstadt aus, regelmäßig auch in Niederösterreich sowie international, unter anderem in Italien und Deutschland. In enger Zusammenarbeit mit einem niederösterreichischen Galeristen sind seine Werke zudem dauerhaft in der Galerie Nordweg in Engelhartstetten an der Donau zu sehen. So kehren die vielen Wege, die ihn hinausgeführt haben, immer wieder zurück – ins Weinviertel, an die Donau, an das Wasser. 

www.christophpotmesil.com

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