Unter dem Banner der Hohenzollern: die Veste Wolkersdorf
Was wäre ein Schloss ohne Geheimnisse? Wolkersdorf birgt einige davon – und einer kennt (fast) alle: der Wolkersdorfer Historiker Wolfgang Galler. Von den Spuren kroatischer Siedler bis zur Historie des Wappens – Galler erzählt Geschichten aus der Geschichte und lässt das Vergangene lebendig werden.
Das “Veste Hauß” nannten es die Herren von Wolkersdorf, Ottokar von Böhmen brach es, später wurde es Jagdschloss der Habsburger. 800 Jahre voller Geschichten – mehr als nur ein paar Seiten wert. Wolfgang Galler spricht wie ein lebendiges Buch, blättert durch die verborgenen Kapitel von Schloss Wolkersdorf und enthüllt Details, die der Allgemeinheit kaum oder gar nicht bekannt sind.
Von Wasser umgeben
Man weiß, dass zwei Gebäude – die Burg selbst und der Annahof, ein Verwaltungsgebäude – von einem Schutzgraben umgeben waren. Wolkersdorf war ein Wasserschloss: Der Graben, eigentlich ein kleiner See, künstlich angelegt und gespeist vom Rußbach, umschloss die Gebäude. Der Zugang führte später über einen Damm –davor über Zugbrücken, deren hölzerne Planken längst Geschichten von Tausenden Füßen und Kutschenrädern erzählen könnten.

Im 16. Jahrhundert war das „Forstamt“ im Annahof stationiert und betreute eine gewaltige Fläche. Die Herrschaft Wolkersdorf erstreckte sich von Groißenbrunn an der March im Südosten bis nach Groß-Inzersdorf im Norden und reichte sogar bis zur Donauüberfuhr Nussdorf im Südwesten. Der „Forstbetrieb“ von Wolkersdorf verfügte über ein großes Personal darunter ein eigener Pfarrer und ein Physicus, also einen Arzt, der auch Aufgaben der Gesundheitsverwaltung übernahm. Auch gab es drei Herrschaftsmühlen.
Besiedlungspläne
Vor 1570 trat Thomas Plischkowitz seinen Dienst als „Forstverwalter“ im Annahof an. „Forstknecht“ nannte er sich selbst, doch in Wahrheit war er ein Mann mit Ideen, die über das bloße Hüten von Wald und Land hinausgingen. Sein Plan: die kroatische Besiedlung in den Dörfern seiner Herrschaft voranzutreiben. Schließlich hingen die Einnahmen der Adeligen direkt von der wirtschaftlichen Leistung ihrer Untergebenen ab – und diese war in jenen Jahren eher bescheiden. Die spätmittelalterliche Agrarkrise, Kriege und Verwüstungen hatten Felder brachliegen lassen, Dörfer waren verwaist. Auch das Raubrittertum trug zur Not bei; die berüchtigten Räuber mussten sogar von Wolkersdorf aus bekämpft werden.
Plischkowitz ließ sich nicht entmutigen. Er wandte sich an den Kaiserhof und legte seine Pläne schriftlich dar, ein Kammerherr des Kaisers, den Plischkowitz kannte, war bereits informiert. Sein Wunsch war klar: Als Lohn für die Ansiedlung und Bewirtschaftung der Dörfer sollte ihm der Zehent zustehen – also Abgaben, die die dortigen Bauern leisten mussten. Zwei Dörfer hatte er auserkoren: Helma, heute ein Ortsteil von Deutsch-Wagram, als Helmahof bekannt, und Wilrats bei Ulrichskirchen, ein Ort, der heute nicht mehr existiert. Allerdings wurden die genannten Flächen von den Nachbardörfern bewirtschaftet, die Bewohner zahlten verminderte Abgaben und wollten ihre mühsam genutzten Felder ungern hergeben.
Der Kaiserhof hatte grundsätzlich nichts gegen das Ansinnen von Plischkowitz, dennoch wollte er sichergehen und tat dies auf einzigartige Art und Weise für die Region. Über die kaiserliche Kanzlei gab er eine Briefumfrage in Auftrag, Adelige, Christoph von Zoppel, Hans von Sitzendorf, der Verwalter der Herrschaft Wolkersdorf, Hans Ludwig Hütter, und sogar eine Frau, Scholastika von Eitzing, wurden befragt, was sie von dieser Besiedlung halten. Bei dieser Gelegenheit wollte der Kaiser nachforschen, wem die Besitztümer tatsächlich gehören würden.

Die Dorfbewohner reagierten auf Plischkowitz’ Pläne mit wenig Begeisterung. Ab 1571 trudelten verstärkt Beschwerden zu „Überfremdung“ ein, bereits 1573 war eine Geheimverordnung gegen die kroatische Ansiedlung erlassen worden. Die Stände, die mehrheitlich der protestantischen Religion angehörten, widersetzten sich damit dem kaiserlichen Wunsch. Dennoch stand zu dieser Zeit ein kroatisch-ungarischer Flüchtlingstreck an den Ufern des damals ausgetrockneten Neusiedler Sees, und ein Teil der Menschen dürfte sich zumindest kurzfristig in Wilrats und Helma angesiedelt haben. Bis weit in das 19. Jahrhundert hinein existierten im Marchfeld noch kroatisch besiedelte Dörfer, und noch Anfang des 20. Jahrhunderts wurde für viele Orte die Bezeichnung „Kroatendörfer“ gebraucht, in der Umgebung etwa für Hornsburg.
König Ottokar
Wolfgang Galler wendet sich nun dem Rundturm des Schlosses zu. Er wird derzeit auf um 1200 datiert, heute ist er jedoch nicht mehr sichtbar. Nur die Grundmauern tauchten bei der Schlossrenovierung 2012 wieder auf, sie lagen unter dem Nordost-Turm verborgen. Der Rundturm ist wohl der älteste Teil des ursprünglichen Schlosses, von dem heute noch Reste vorhanden sind, lange bevor Ottokar von Böhmen es brach.
Wolkersdorf fand sogar Eingang in die klassische Literatur Österreichs. In Franz Grillparzers „König Ottokars Glück und Ende“ markiert es 1276 das erste Aufeinandertreffen Rudolfs von Habsburg und Ottokars von Böhmen. „Zur Schlacht kam es erst zwei Jahre später, beim ersten Mal war Ottokar schlicht zu spät“, erzählt Wolfgang Galler mit einem Augenzwinkern. Bei Grillparzer werden die Herren von Wolkersdorf, die auf Seiten Rudolfs standen nicht gerade schmeichelhaft von König Ottokar als die Verräter schlechthin bezeichnet.

Historisch gesehen wurde Rudolf von Habsburg 1273 zum römisch-deutschen König gewählt. Ottokar II., König von Böhmen, herrschte zu dieser Zeit über große Teile des heutigen Österreichs und war damit der mächtigste Fürst im Reich. Er hatte gehofft, selbst zum König gewählt zu werden – doch die Fürsten entschieden sich für den „vergleichsweise unbedeutenden“ Grafen Rudolf. Für Ottokar war das eine bittere Demütigung. Nach Reichsrecht gehörten Böhmen und Mähren zum Heiligen Römischen Reich, und Rudolf verlangte, dass Ottokar diese Gebiete als Reichslehen annahm, also formal vom König empfing und damit seine Oberhoheit anerkennen musste. Für Ottokar, der sich als gleichrangigen Herrscher verstand, war dies eine schmerzliche Kränkung seines Stolzes.
Prestigebau
Weil die Herren von Wolkersdorf sich in diesem Streit hinter Rudolf stellten, ließ Ottokar die Burg belagern und teilweise zerstören. Doch nur wenige Jahre später, nach der Schlacht am Marchfeld und dem Tod Ottokars, wurde das Schloss unter Rudolfs Herrschaft wieder aufgebaut. Herrmann von Wolkersdorf wuchs gemeinsam mit dem österreichischen Herzog Friedrich dem Streitbaren aus dem Geschlecht der Babenberger in den 1220er Jahren auf, eine Zeit, die später auch die Struktur des Dorfes prägte. Massiv und beeindruckend sind die Buckelquader, die in der Folge bei Bauarbeiten am Schloss verwendet wurden. Sie dienten weniger der Stabilität als dem Prestige. „Die Steine waren schwer zu bearbeiten, und eher zum Angeben verbaut“, weiß Wolfgang Galler. Ebenfalls in der Zeit der Babenberger entstand ein riesiger Marktplatz – der „Neue Markt“. Bis heute trägt er seinen Namen und markiert den Ort, an dem später unter anderem das Rathaus errichtet wurde. Noch 1499 wurde zwischen Markt und Dorf unterschieden: „Neuer Markt“ und „Alter Markt“.

Zu dieser Zeit bestanden drei Mühlen der Herrschaft Wolkersdorf, eine davon im „Alten Markt“. Jahrhunderte später, exakt 1902, entstand hier das erste Schwimmbad, betrieben vom damaligen Müller. Heute ist davon nichts mehr übrig; eine Siedlung wurde auf dem Areal errichtet. Wie die anderen beiden Mühlen wurde sie durch den Rußbach gespeist. Eine befand sich nahe am Schlossareal (Ecke Bachgasse/ Schlossplatz), die andere in Markgrafneusiedl. Der Rußbach war zugleich Zulauf für die Wasserlandschaft rund um Schloss Wolkersdorf, die selbst im späten Mittelalter noch von Fischen bevölkert wurde. Wolfgang Galler erklärt: „Um die Wehrfähigkeit zu erhalten, durfte der Teich zwar leergefischt, aber niemals abgelassen werden.“ Zweck und Schönheit waren eng miteinander verbunden – Schutz und Prestige mit wirtschaftlicher Nutzung zugleich.
Ab dem späten 15. Jahrhundert war das Schloss in kaiserlichem Besitz, bis es 1870 von der k. k. Staatsgüteradministration an Graf Hugo Abensperg-Traun verkauft wurde. Dem gehörten bereits Bockfließ und Groß-Schweinbarth, und sein Ziel war klar: den gesamten Hochleithenwald für sich zu beanspruchen. Wirtschaftliche Interessen, Jagdrecht und Forstwirtschaft standen im Vordergrund. Ein Schnäppchen – nur 700.000 Gulden zahlte er dafür – um es 14 Jahre später an die Sparkasse Wolkersdorf weiter zu verkaufen. Diese baute das Areal um, riss unter anderem einen Teil der Schlosskapelle ab, Wohnungen entstanden, und das Bezirksgericht zog ins Schloss ein – und blieb dort bis zu seiner endgültigen Schließung im Jahr 2002. Bis in die 1970er-Jahre wurde die letzte Substandard-Wohnung vermietet: ohne fließendes Wasser, das Trinkwasser musste man vom Brunnen im Hof holen.
Hohenzollern-Wappen
Wer das Wappen von Schloss Wolkersdorf aufmerksam betrachtet, erkennt Verbindungen nach Deutschland. Tatsächlich tauchte es erstmals im ersten Viertel des 14. Jahrhunderts auf und geht auf die fränkische Dynastie der Hohenzollern zurück. Ihr Sitz war in Nürnberg, sie waren treue Parteigänger Rudolfs von Habsburg und wurden dafür belohnt. Sie erhielten mehrere Lehen in der Region, unter anderem in Wolkersdorf, Groß-Schweinbarth und Neusiedl/Zaya. Von diesem Zeitpunkt an zierten ihre Farben – Schwarz und Silber – das Wappen. Erste historische Nachweise finden sich auf Wachsiegeln (1323) und Buchmalereien. Im Minoritenbegräbnisbuch, in dem die in der Wiener Minoritenkirche bestatteten Personen aus der Zeit um 1390 verzeichnet sind. Somit war das alte Wappen der Wolkersdorfer, auf dem unter anderem ein Wolf zu sehen war, abgelöst. Die älteste Darstellung des heutigen Stadtwappens in Wolkersdorf selbst findet sich auf einem Fresko aus der Zeit um 1530 in einem Haus am Hauptplatz, heute das Atelier Staudinger.

Heute dient das Schloss als kulturelles Zentrum im Weinviertel. Es beherbergt unter anderem die Regionalmusikschule Wolkersdorf sowie das ehemalige Atelier des Künstlers Otto Potsch. Im Schlosspark stehen zudem seine beeindruckenden Skulpturen, etwa „Don Quichotte und Sancho Panza“, gefertigt aus Altmetall – Zeugen eines kreativen Geistes, der dem Schloss auch nach seinem Tod Leben einhaucht.
Außerdem finden im Schloss Ausstellungen, Konzerte, Filmabende und Führungen statt. Aktuelle Termine finden Sie auf der Website des Forum Schloss Wolkersdorf: forumwolkersdorf.at



Historiker Wolfgang Galler aus Wolkersdorf. © Ulrike Potmesil
Zur Person
Mag. Dr. Wolfgang Galler, geboren 1978, ist Historiker, Autor sowie Ausstellungskurator und lebt in Wolkersdorf. Zu seinen veröffentlichten Büchern gehören: “Das alte Wolkersdorf im Weinviertel” und “Unser täglich Brot”. Beides ist im Verlag Edition Winkler-Hermaden erschienen. Herausgegeben von der LEADER Region Weinviertel Ost ist “Aufkochen”. Alte Rezepte und Geschichten über das Leben im östlichen Weinviertel. Zudem ist Wolfgang Galler maßgeblich beteiligt an dem Buch “Schloss & Herrschaft Wolkersdorf“, das er gemeinsam mit Patrick Schicht und Ferdinand Altmann verfasst hat. Herausgeber: Stadtgemeinde Wolkersdorf, 2009.
Beitragsbild © Regina Courtier
Du liest mit Begeisterung unsere Artikel? Dann unterstütze uns hier!
Lest da auch noch rein!

Tipps fürs Wochenende: Miteinander Netzwerken, viel Musik & ganz viel Remasuri
Tipps fürs Wochenende: Miteinander Netzwerken, viel Musik & ganz viel Remasuri 13. bis 15. Februar 2026 Dieses Wochenende hat’s[…]

Von der Weinlaune zum Wienerlied Festival in Sierndorf
Von der Weinlaune zum Wienerlied Festival in Sierndorf Ich verrate nichts Neues, wenn ich sage, dass mein Herz für[…]

Wo Wien, das Wald- und das Weinviertel auf einander treffen? Na am Wiener Zentralfriedhof natürlich, wo denn sonst?
Wo Wien, das Wald- und das Weinviertel auf einander treffen? Na am Wiener Zentralfriedhof natürlich, wo denn sonst? Fotos[…]

No responses yet