Im Marchfeld wächst jetzt Kunst

Raum für Kritik statt Konsens: Die Galerie Nordweg startet in die Saison 2026 

Beitragsbild: © Ulrike Potmesil

Es gibt Orte, an denen man Kunst erwartet. Und es dann gibt es die Galerie Nordweg in Engelhartstetten. Mitten im Marchfeld, wo Felder die Perspektive bestimmen, hat Günter Skocek einen Raum geschaffen, der sich dem Erwartbaren entzieht. Kein urbaner White Cube, keine glatte Kunstarchitektur, sondern ein umgebauter Nutzbau – Stallungen, Geräteschuppen, Heuboden. Sozusagen ein Statement mit leisem Trotz, dass Kunst keinen städtischen Kontext braucht, um stattzufinden. 

Saisoneröffnung der Galerie Nordweg. © Urike Potmesil

800 Quadratmeter umfasst die Galerie Nordweg mittlerweile. Eine nüchterne Zahl, die eine gewisse Radikalität überdeckt: Hier stellt nicht nur jemand aus, sondern baut auch mit eigenen Händen, über Jahre hinweg. Während der Kunstbetrieb gern über Strukturen spricht, hat Skocek längst welche geschaffen. Dass er Landwirt war, ist in diesem Zusammenhang keine biografische Randnotiz, sondern der Hintergrund, vor dem alles nachvollziehbar wird. 

Zur Saisoneröffnung werden die Ausstellungsräume neu bespielt. Internationale Positionen treffen auf regionale, politische Malerei und stille Beobachtung, Pathos trifft auf Präzision. Gemeinsam mit dem Wiener Galeristen Joe Lindengrün bringt Skocek Künstler nach Engelhartstetten, die man hier nicht zwingend vermuten würde. Etwa der Kolumbianer Antonio Zapata, der im Feld des Magischen Realismus arbeitet und eine detailreiche, fast greifbare Realität mit surrealen oder symbolischen Elementen kombiniert, kräftige Farben und großflächige Leinwände nutzt, die eine visuelle Wucht erzeugen. Zapata versteht Kunst als Werkzeug für sozialen und politischen Protest, wie er bei der Eröffnung erklärt. Er thematisiert politische Missstände, auch in seiner Heimat Kolumbien, und die gesellschaftliche Verantwortung. 

Antonio Zapata präsentiert seine Werke. Im Gespräch mit Günter Skocek und Christoph Potmesil. Roland Stickler und Thomas Migel alias Duo STIMIG sorgen für den jazzig-enstpannten Klangteppich bei der Vernissage. © Ulrike Potmesil , Günter Skocek

Daneben Ira Kane aus Berlin und die Wienerin Petra Kaindl – Positionen, die sich nicht auf einen Nenner bringen lassen, außer vielleicht auf den, dass sie sich dem schnellen Zugriff entziehen. Im neu adaptierten Raum stößt man außerdem auf Christoph Potmesil. Sein Fresko „Kaleidoskop der Porträts im freien Fall“ zeigt Gesichter, die sich überlagern und in ihrer Skurrilität neu formieren. Identität erscheint hier nicht als etwas Festes, sondern als emotionaler Ausdruck. 

„Doppel“

Die zentrale Ausstellung „Doppel” gehört zwei Künstlerinnen aus der Region – eine bemerkenswerte Setzung als ernsthafte Gegenposition. Die Ortherin Eva Hradil beginnt bei der Wirklichkeit, aber sie bleibt nicht dort. „Meine Motive müssen physisch vor mir stehen”, sagt sie. Oft sind es Alltagsgegenstände, unspektakulär, banal. Mit ihnen vor Augen beginnt die eigentliche Arbeit: das Zerlegen, Verschieben, Überlagern. Was am Ende auf der Leinwand erscheint, ist kein Gegenstand mehr, sondern ein Geflecht, entstanden aus Beziehungen im doppelten Sinn: sowohl auf zwischenmenschlicher Ebene als auch als malerischer Prozess des Verwebens von Formen.  

Eva Hradil (li.) mit Galerist Günter Skecek und Künstlerkollegin Laura Nitsche. © Ulrike Potmesil

Laura Nitsche aus Eckartsau hingegen interessiert sich für das, was übrig bleibt. Einkaufszettel, achtlos weggeworfen. Sie sammelt diese Fragmente des Alltags, archiviert sie und übersetzt sie in Malerei, die sich demonstrativ an der Tradition orientiert: Stillleben, sorgfältig komponiert, beinahe altmeisterlich. Und doch bleibt ein Bruch. Denn das, was hier am Bild ebenso wie in der Realität davor inszeniert ist – Erdbeeren, Zitronen, Gefäße –, verweist auf etwas Flüchtiges, das längst verschwunden ist. „Inspiriert hat mich Platons Höhlengleichnis“, sagt sie. Menschen, die nur Schatten für Realität halten. Und genau dort landet die Frage: Was ist hier eigentlich wirklich? Das gemalte Stillleben – eingefroren, perfekt – oder die Erdbeeren davor, die längst zu vergehen beginnen? 

Laura Nitsche (li.) vor ihren Werken mit Günter Skocek und Eva Hradil. © Ulrike Potmesil

„Meine Kunst ist Kampfzone“

Raum eins ist Skocek selbst vorbehalten. Und dieser Raum widerspricht jeder Erwartung an harmonische Selbstinszenierung. Große Porträts, surreale Traumbilder, blutige Jagdszenen, politische Figuren, die in Konstellationen auftauchen, in denen sie nie waren – und gerade deshalb etwas erzählen. Es sind direkte Werke, oft unbequem, die nicht nach Zustimmung suchen. „Meine Kunst ist Kampfzone“, sagt er. Ein Satz, der nicht Pose, sondern politische Ansage ist.

 

Skocek malt seit Jahrzehnten. Und doch hat er sich nie vollständig dem Kunstbetrieb ausgeliefert. Die Landwirtschaft blieb sein Zentrum. „Der schönste Beruf der Welt“, sagt er. Dass Kunst unter dem Druck von Markt und Erwartung entstehen soll, lehnt er ab – „schrecklich“, nennt er das. Vielleicht liegt gerade darin die Eigenart seiner Arbeiten. Sie entstehen nicht im Dialog mit Trends, sondern aus dem inneren Bild des Künstlers heraus, das bereits fertig ist, bevor der erste Pinselstrich gesetzt wird. Übermalen oder verwerfen kommt bei ihm nicht vor, stattdessen ist jedes Bild eine Entscheidung. Politik spielt dabei eine zentrale Rolle. Die zunehmende Verhärtung von Positionen, die Verschiebungen innerhalb Europas, der Ton, der rauer geworden ist – all das findet Eingang in seine Malerei. In „Verwunschen“ stellt er Angela Merkel neben Adolf Hitler. Eine Konfrontation, die weniger auf Skandal zielt als auf eine kritische Lesart von Geschichte und Gegenwart. 

Günter Skocek. Landwirt, Galerist, Künstler, Kunstförderer. © Ulrike Potmesil

Seit 2022 ist die Galerie Nordweg öffentlich zugänglich. Entstanden ist sie nicht aus einem kuratorischen Masterplan, sondern Schritt für Schritt aus vorhandener Substanz, viel Eigenleistung und einer ziemlich klaren Vorstellung davon, wie Kunst gezeigt werden kann. In Kooperation mit dem Wiener Galeristen Joe Lindengrün wird das Programm seither erweitert, geöffnet und bewusst heterogen gehalten. Die Galerie funktioniert als Statement, aber auch schlicht als Ort: fünf Räume, wechselnde Ausstellungen, Positionen, die sich dem Konsens entziehen und gerade deshalb spannend sind. 

Am Ende ist es ganz einfach: Hier hat jemand einen Raum geschaffen, in dem Kunst stattfindet. Und das funktioniert. 

Webseite www.guenterskocek.at 

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