Zeitreise in Kartons: Das neue Stadtarchiv Groß-Enzersdorf hebt seine Schätze.
Alle Fotos © Regina Courtier/Weinviertel-Remasuri
Vom Bauhof ins Archiv
Am 26. März begab sich das Publikum im neu restaurierten Stadtsaal von Groß-Enzersdorf auf eine besondere Reise in die Vergangenheit. Unter dem Titel „Zeitreise – Das Historische Archiv der Stadtgemeinde Groß-Enzersdorf“ lud der Heimatverein Groß-Enzersdorf zu einem Vortrag, der eindrucksvoll zeigte, welch verborgene Schätze in den Beständen der Stadt lagern. Als Referent führte der Historiker Joseph Redl durch den Abend – und eröffnete ihn mit einer ebenso einfachen wie einladenden Aufforderung: „Lassen Sie uns gemeinsam die Kartons auspacken und damit eine Zeitreise beginnen.“

Redls Einstieg machte gleich neugierig. Man trat an ihn heran, als 2011 im Bauhof alte Dokumente aufgefunden wurden. Schäden durch Wasser und Mäusefraß hatten bereits Teile der Unterlagen zerstört. Ab 2016 war Redl in der Musikschule damit beschäftigt, die teils abenteuerlich gelagerten Bestände zu sichern, fachgerecht zu erschließen, zu verzeichnen und archivgerecht zu verpacken.
Dass diese Schätze heute geordnet im neuen Archiv liegen, ist keine Selbstverständlichkeit. Vor der Entsorgung gerettet, fand das mittlerweile strukturierte Archiv 2021 im ersten Stock des ehemaligen Gebäudes der Bezirkshauptmannschaft am Dr.-Anton-Kranbichler-Platz 1 ein würdiges Zuhause.



24 Meter Geschichte
Der Umfang der Fundstücke ist beachtlich: 24 Regallaufmeter, also 142 Kartons, gefüllt mit Aktenfaszikeln, losem Archivgut und 120 gebundenen Amtsbüchern. Die älteste Archivalie stammt aus dem Jahr 1565, die jüngste von 1984.
Zu den Besonderheiten zählen unter anderem Kammeramtsrechnungen, Wochenmarktprotokolle, Schubakten, Unterlagen der jüdischen Gemeinde sowie Gemeinderatsprotokolle aus der Zeit von Bürgermeister Karl Buresch, der 1932 zum Bundeskanzler bestellt wurde.



Mehr als nur alte Akten
Was dabei zum Vorschein kam, ist alles andere als trocken. Die Quellen erzählen von Besitzverhältnissen und Handwerk, von landwirtschaftlichen Strukturen und dem Wandel der Stadtverwaltung. Sie dokumentieren Zeiten des Aufbruchs ebenso wie Krisen und Umbrüche. Historische Fotografien lassen vergangene Straßenbilder lebendig werden und zeigen, wie sehr sich das Stadtbild verändert hat und was bis heute geblieben ist.
Der Schwerpunkt des Bestandes liegt derzeit auf Verwaltungsakten und Behördenschriftgut aus dem 18. bis 20. Jahrhundert. Noch steht das Archiv etwas im Schatten des neuen Museums – zu Unrecht. Denn wer wissen will, woher Groß-Enzersdorf kommt, wird hier garantiert fündig.



Eigenständig, dennoch gemeinsam
Joseph Redl dankt während seines Vortrages der Stadtgemeinde Groß-Enzersdorf für die Unterstützung und den Raum, der für das Archiv dieser historische Akten nötig ist.
Das Historische Archiv, das Heimatmuseum und die örtliche Topothek stehen in keiner Konkurrenz zueinander. Hier wird jedoch, wann immer es erforderlich ist, Hand in Hand gearbeitet.
Information: Am Höfefest im September 2026 wird „Das Historische Stadtarchiv Groß-Enzersdorf“ für Besucher geöffnet sein. Eine ideale Gelegenheit, einen Blick hineinzuwerfen. Regelmäßige Öffnungszeiten sind in Planung, aktuell ist ein Besuch nur nach Anfrage möglich.
Und sollte sich jemand für die oben erwähnten historischen Fotos interessieren: Ein Blick in die Topothek Groß-Enzersdorf lohnt sich. Das Topotheken-Team sammelt weiterhin altes Bildmaterial. Also ruhig einmal Dachboden, Kästen oder Fotoalben durchstöbern. Vielleicht schlummert dort noch ein kleiner Schatz für die Geschichte der Stadt.
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