Das versunkene Dorf mitten im Weinviertel

Ein 40 Meter tiefer Brunnen ohne Wasser, verschwundene Kirchenstufen und ein Dorf, das seit Jahrhunderten vom Wald verschluckt wird: Tiemental bei Klein-Harras zählt zu den rätselhaftesten Orten des Weinviertels.

Wer heute durch das Waldgebiet bei Klein-Harras streift, ahnt kaum, dass hier einst Menschen lebten, arbeiteten und ihre Felder bestellten. Von Tiemental-Neusiedl, einem Dorf, das bereits am Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit aufgegeben wurde, sind nur noch wenige Spuren geblieben. Und gerade diese wenigen Spuren haben über Generationen hinweg die Fantasie der Menschen beflügelt.

In den umliegenden Orten erzählt man sich, dass in den 1940er-Jahren ein Försterlehrling einen Fassreifen aus einem der ehemaligen Weinkeller geholt haben soll. Noch in den 1970er-Jahren seien die Stufen der Dorfkirche zu erkennen gewesen. Geblieben ist vor allem ein rund 40 Meter tiefer Brunnen, der bis heute als markantestes Zeugnis der verschwundenen Siedlung gilt. Das Dorf selbst scheint dagegen Stück für Stück im Boden versunken zu sein.

Ein Dorf gibt seine Geheimnisse preis

Lange Zeit war Tiemental vor allem Stoff für Erzählungen und Heimatbücher. Doch in den vergangenen Jahren hat die Wissenschaft begonnen, Licht in die Geschichte der Wüstung zu bringen.

Im Zuge des Windkraftausbaus wurden 2021 archäologische Untersuchungen durchgeführt. Die Grabungen lieferten neue Erkenntnisse über die ehemalige Siedlung und ihre spätere Nutzung. Gleichzeitig durchforstete der Historiker Dr. Wolfgang Galler Archive, darunter auch jenes des Stiftes Klosterneuburg, das einst die Herrschaft über Tiemental und Klein-Harras innehatte.

Die Recherchen förderten bislang unbekannte Informationen zutage. Erstmals konnten die Namen früherer Bewohner von Tiemental nachvollzogen werden. Auch jene Familien aus Klein-Harras und Hohenruppersdorf, die bereits vor 1547 Äcker und Weingärten des verlassenen Dorfes gepachtet hatten, sind heute bekannt.

Als Kroaten Tiemental neu beleben sollten

Besonders spannend sind die Quellen aus dem späten 16. Jahrhundert. Damals plante das Stift Klosterneuburg, katholische Kroaten in Tiemental anzusiedeln. Der Versuch scheiterte jedoch und entwickelte sich zu einem aufschlussreichen Kapitel der niederösterreichischen Geschichte.

Die Dokumente zeigen, wie wirtschaftliche Ängste und Vorbehalte gegenüber den Zuwanderern den Widerstand gegen die Ansiedlung anheizten. Gleichzeitig liefern die Akten wertvolle Hinweise auf andere untergegangene Orte und auf die kroatische Besiedlung weiter Teile Niederösterreichs.

Für Historiker sind die Unterlagen deshalb weit mehr als nur Quellen über ein verschwundenes Dorf. Sie eröffnen neue Einblicke in eine Zeit großer Umbrüche und Migrationen.

Noch längst nicht zu Ende erforscht

Warum Tiemental letztlich aufgegeben wurde, bleibt weiterhin ungeklärt. Die Forschenden gehen davon aus, dass mehrere Faktoren zusammenspielten. Die archäologischen Funde, die Landschaft rund um die ehemalige Siedlung und die historischen Quellen liefern zwar immer mehr Hinweise, viele Fragen sind jedoch offen.

Gerade das macht den Reiz von Tiemental aus: Das Dorf ist verschwunden, seine Geschichte aber keineswegs.

Vortrag als Videoaufzeichnung

Wer mehr über die neuesten Erkenntnisse erfahren möchte, hat am Samstag, 13. Juni 2026, um 17.30 Uhr Gelegenheit dazu. Im Gemeindezentrum Klein-Harras wird die Videoaufzeichnung des Vortrags von Dr. Wolfgang Galler und Mag. Fabian Benedict gezeigt. Im Mittelpunkt stehen die Ergebnisse der archäologischen Untersuchungen und die überraschenden Entdeckungen in den Archiven.

Ein Stück Weinviertler Geschichte, das noch immer neue Geheimnisse preisgibt.

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