Alfred „Fredi“ Gradinger – ein Weinviertler mit Wiener Tonlage
Alle Fotos: © Regina Courtier/Weinviertel-Remasuri
Fredi hat sich bei seiner Geburt bereits für den Abschneider über Wien entschieden. Net, weil er nicht in Hautzendorf zur Welt kommen wollte – aber die Umständ’, in einem kleinen Dorf geboren zu werden, wollte er seiner Mutter dann doch nicht antun. Also wählte er, weil seine Eltern an seinem Geburtstag ohnehin gerade in Wien waren, den bequemeren Weg und erblickte am 23. April 1955 gleich dort das Licht der Welt.
Und so begab es sich, dass einer der erfolgreichsten Wienerlied-Komponisten der Gegenwart eigentlich ein Weinviertler ist.
Fredis Eltern gehörten zu jener Generation, die in den Nachkriegsjahren unter der Woche nach Wien fuhr, um dort einer Arbeit nachzugehen. Jobs gab es im Kreuttal kaum. Um zu überleben, musste man in die Großstadt – um zu leben, war man aber in jeder freien Minute wieder daheim.
Da in diesen grauen Zeiten kaum jemand ein Auto besaß, fuhr Klein-Fredi mit der Bahn von Wien nach Hautzendorf. Und die machte, welch bemerkenswerter Zufall, ausgerechnet mitten in der Kellergasse Station. Bei jedem Heimatbesuch bekam der Bub also seine Portion Weinviertel frei Haus serviert. Alte Presshäuser, Kellertüren, Weingärten und diese ganz besondere Landschaft, wo der Wein nicht nur wächst, sondern zum Leben dazugehört.



Fredi & Friends. Geselligkeit wir bei Fredi groß geschrieben, zweilen trifft man sich zur Köllajaus’n um gemeinsam Musik zu machen. Hier ist Kontragitarrist Engelbert Mach mit von der Partie und Joschi Schäfer, der Hautzendorfer Kellergassenführer. Fredi gibt dabei auch einen Einblick in seinen traumhaften Weinkeller.
Mit sechs Jahren zum Akkordeon
In der Volksschule schon begann Fredi Akkordeon zu lernen. Später studierte er am Konservatorium der Stadt Wien unter anderem Schrammelharmonika und machte 1978 aus seiner Leidenschaft einen Beruf.
Das Akkordeon war von da an sein Wegbegleiter. Durch Jahrzehnte Wiener Musikgeschichte auf Bühnen, in Heurigenlokalen, im Radio und Fernsehen und bei unzähligen Auftritten im In- und Ausland.
Gemeinsam mit Rudi Koschelu gründete er bereits 1978 die Weana Spatzen. Später wurde er unter anderem Mitglied des Trio Wien. Mit Hans Radon und Franz Horacek stand er in einer Besetzung auf der Bühne, die ganz ohne großes technisches Drumherum auskam. Handgemachte Wiener Musik eben.



Mit Hans Radon und Franz Horacek spielt Fredi Gradinger im Trio Wien und später auch im fürs Weinviertel passendere „Trio Weltlin“.
Einer, der das Wienerlied nicht ins Museum stellt
Wer mit Fredi über Musik spricht, merkt schnell, dass da keiner sitzt, der einfach nur alte Lieder möglichst originalgetreu nachspielen möchte. Er kennt die Tradition und respektiert sie, lässt sie aber nicht stagnieren .
Gradinger hält das klassische Heurigen- und Wienerlied am Kochen. Gleichzeitig schreibt er neue, zeitgemäße Lieder und Texte, die in die Gegenwart passen, ohne das Wesen dieser Musik zu verändern. Mehr als zweihundert eigene Kompositionen sind dokumentiert. Sein Repertoire reicht vom klassischen Wiener Liedgut bis zu humorvollen, manchmal ungeschönten, manchmal nachdenklichen Geschichten aus dem ganz normalen Leben.
Er schreibt über Menschen und ihre Marotten, über Liebe und Alter, über Wien und seine Bezirke, über Heurige und natürlich über den Wein.
Und er schreibt so, wie das Wienerlied sein soll, mit einem Augenzwinkern, aber nicht ohne Tiefgang.



Kellergassenführer Joschi Schäfer ist zuweilen singend mit im Team. Als Trio „Weltlin“ produzierte er mit Fredi Gradinger „Echte Weinviertler Heurigenlieder“! Das neueste Lied trägt den Titel: „Urlaub im Kreuttal“.
Vom Kaisermühlen-Blues bis zum Musikantenstadl
Sein musikalischer Weg führte ihn dabei weit über die klassische Wienerlied-Szene hinaus.
Fredi Gradinger musizierte mit und für Größen wie Karl Merkatz, war bei der Abendsendung von Heinz Conrads zu Gast und wirkte bei zahlreichen Live-, Rundfunk- und Fernsehproduktionen mit. Dazu zählten unter anderem der Kaisermühlen-Blues, Aufg’spielt wird und der Musikantenstadl.
Seine musikalische Arbeit führte ihn aber auch weit über die Grenzen Österreichs hinaus. Tourneen brachten Fredi Gradinger unter anderem nach Nord- und Südamerika, China und Japan. Darüber hinaus führten ihn seine Engagements auf Kreuzfahrten rund um die Galapagosinseln. Zahlreiche Schallplatten- und CD-Aufnahmen dokumentieren sein umfangreiches musikalisches Schaffen.
Besonders die Verbindung zu Karl Merkatz ist bemerkenswert. Gradinger war über viele Jahre dessen musikalischer Begleiter und damit Teil jener österreichischen Unterhaltungskultur, die heute fast schon selbst zum historischen Kulturgut geworden ist.
Und genau das ist typisch für Alfred Gradinger: Er drängt sich nie in den Vordergrund. Er ist da, spielt, komponiert, begleitet und lässt die Musik ihre Arbeit tun.



In der Hautzendorfer Kellergasse ist Fredi regelmäßig mit seiner Quetsch’n anzutreffen. Hier mit Kontrabass Manfred Chromy, Engelbert Mach und Rudi Koschelu im Publikum.
23 Bezirke, unzählige Geschichten
Dass Gradinger ein besonderes Verhältnis zu Orten und ihren Geschichten hat, zeigt auch ein außergewöhnliches Projekt: die 23 Wiener Bezirkslieder.
Für jeden Wiener Gemeindebezirk entstand ein eigenes Lied. Nicht gerade die bescheidenste Aufgabe für einen Menschen, den man persönlich eher als zurückhaltend erlebt.
Aber Fredi ist eben ein Mensch mit einer klaren Vorstellung davon, was er musikalisch will.
Wer ihn kennt, weiß: Er weiß genau, was er tut – und warum.



„Fredi & Friends“. Eine der legendären Köllajaus’n, ganz privat, hier mit „Fritz Oslansky & Helmut Schneeweiß“ und am Gruppenfoto neu zu entdecken „Die zwa Reblauser“
Und irgendwann ging’s wieder heim
Irgendwann führte der Weg zurück ins Elternhaus, nach Hautzendorf. Nicht mit einem großen Paukenschlag, sondern weinviertlerisch, gemütlich.
In der Hautzendorfer Kellergasse saß Fredi Gradinger mit dem hiesigen Kellergassenfex Josef „Joschi“ Schäfer beisammen. Man plauderte, trank ein Achterl und redete über die Gegend und das Leben.
„Eigentlich müssten wir etwas daraus machen“, sagte Joschi.
„Ja“, erwiderte Fredi.
Aus dieser Begegnung entwickelte sich eine ganz besondere musikalische Verbindung. Das Ergebnis war eine Sammlung von Weinviertler Heurigenliedern.
Gemeinsam mit Hans Radon und Franz Horacek entstand als „Trio Weltlin“ die CD „Im Weinviertel“.
Die Musik wurde von Fredi Gradinger entwickelt, gesungen wurden die Lieder von Kellergassenführer Joschi Schäfer.
Es handelte sich um Lieder, die dem Zeitgeist entsprechen. Kein aufgesetztes Folkloreprogramm. Kein musikalisches Weinviertel vom Souvenirstandl. Sondern Lieder, die nach heute klingen und trotzdem tief in der Region verwurzelt sind.
Sie repräsentieren eine ganz besondere Mischung aus Lebensfreude und Nachdenklichkeit, die das Weinviertel ebenso gut kennt wie das Wienerlied.
Fredi verband dabei seine jahrzehntelange Erfahrung mit der Wiener Musik mit der Sprache und Lebensart des Weinviertels.



„Fredi & Friends“. Mit Engelbert Mach und „Die zwa Reblauser“ Andy Müller (ebenfalls Weinviertler) und Harry Matzl.
Der stille Bewahrer
Das Wienerlied ist eine Musik der Zwischenräume. Heiterkeit und Melancholie, Schmäh und Weltschmerz. Zwischen einem „Geh, loss ma’s“ und einem ziemlich tiefen Nachdenken darüber, wie das Leben so ist.
Fredi kann einen Text schreiben, bei dem man lachen muss und beim zweiten Hinhören merkt man, dass einem das Lachen ein bisserl im Hals stecken bleibt.
Für seine Verdienste um die Pflege und den Erhalt der Wiener Musik wurde Alfred Gradinger 2015 mit dem Goldenen Verdienstzeichen des Landes Wien ausgezeichnet.
Gewürdigt wurden dabei nicht nur seine Arbeit als Musiker und Komponist, sondern auch sein Engagement für die Weitergabe seines Wissens an jüngere Musiker.
Er sammelt diese Musik nicht für sich. Er hält sie lebendig und verändert sie gerade so weit, dass sie nicht stehen bleibt.
Das ist vermutlich auch der Grund, warum das Wienerlied bei ihm nicht nach Vergangenheit klingt, sondern nach purem dem Leben!
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