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Generation Postkarte: Die Geheimnisse alter Ansichten unter der Lupe

Fotoquellen: © Regina Courtier/Weinviertel-Remasuri. Historische Postkarten © Sammlung Karl Scheck

Wer das Glück hat, die Sammlung von Karl (85) aus Pillichsdorf durchsehen zu dürfen, reist zurück in das Weinviertel vergangener Tage.

Betrachtet man die Postkartensammlung von Karl Scheck, hängen auch gleich jede Menge alter Geschichten in der Luft, untermalt vom leisen Klicken meines Laptops, während ich versuche, das Interview mit dem rüstigen Sammler mitzuschreiben.
Vor mir auf dem Tisch liegen Alben historischer Ansichtskarten, vorwiegend aus Pillichsdorf, Obersdorf und Wolkersdorf. Für mich sehen die die Karten zum Teil optisches gleich aus. Ich sehe dieselben alten Häuser, dieselben Perspektiven. Warum braucht man davon jeweils fünf Stück?

Karl lächelt milde. Mit seinen 83 Jahren hat er den geschulten Blick des Kenners. Er greift zur Lupe und sagt: „Schau einmal genau hin. Keine dieser Karten ist wie die andere. Da liegen Welten dazwischen.“
Und wirklich: Auf einer der Karten ist die Beschriftung rechts angebracht, auf einer anderen wiederum links. Wird einmal eine alte Schriftart gewählt, wurde bei der nächsten Auflage ein moderner Font gedruckt. Eine handkolorierte Version macht die Sammlung einer Serie komplett.

Roswitha Lauda-Scheck & Karl Scheck beim Stöbern in den Postkartenalben.

Der Blick des Kenners und was die Rückseite verrät

Was für uns wie eine Wiederholung wirkt, birgt für den leidenschaftlichen Sammler gravierende Unterschiede. Karl liest die Karten wie ein Buch.
Er zeigt auf die erste Karte. „Das hier ist ein Lichtdruck aus den späten 1890er-Jahren. Reine, matte Handwerkskunst.“ Er schiebt das vermeintlich identische Gegenstück herüber. Unter der Lupe zerfällt das Bild plötzlich in winzige Punkte. „Rastertiefdruck. Eine spätere Massenauflage. Das Motiv ist gleich, die Seele der Karte ist jedoch eine ganz andere.“

Die Unterschiede im Postkarten-Universum sind für Laien unsichtbar, aber historisch gewaltig:

Die Handarbeit: Viele der frühen Karten basieren auf Schwarz-Weiß-Fotografien und wurden damals in mühevoller Heimarbeit von Frauen Farbe für Farbe handkoloriert. Jede Karte ist damit ein absolutes Unikat.

Der Wendepunkt 1905: Dreht man die Karten um, zeigt sich das wahre Alter. Ist die Rückseite ungeteilt, durfte dort vor 1905 rein rechtlich nur die Adresse stehen – der Grußtext musste vorne aufs Bild gequetscht werden. Erst spätere Karten haben den heute bekannten Trennstrich neben dem Adressfeld.

Die Spuren der Vorfahren: Ein gestochen scharfer Poststempel aus der k. u. k. Monarchie oder eine fühlbare Reliefprägung im Karton – das alles sind die Nuancen, die das Sammlerherz höherschlagen lassen.

Alte Postkarten aus der Region Wolkersdorf. Karl Scheck und seine Enkeltochter Victoria.

Wo Vergangenheit lebendig bleibt

Karl sammelt diese Karten nicht nur, er lebt sie. Der gebürtige Pillichsdorfer ist enorm regionsverbunden. Bis vor Kurzem machte er noch seine täglichen langen Spaziergänge durch die Orte seiner Jugend und wieder zurück. Er kennt jede bauliche Veränderung, weiß, wo heute anstelle des Kinderspielplatzes die Pferdeschwemme war. Erzählt schmunzelnd von der schlechten Wasserqualität, die jedoch die Kinder damals nicht davon abgehalten hat, dort ihre sommerlichen Wasserspiele abzuhalten.
Mit Karl zu sprechen, ist wie eine völlig kitschfreie Zeitreise, ohne das Gefühl zu bekommen, dass er – außer an den Geschichten – an der Vergangenheit festhält. Er weiß genau, wo sich die Gebäude oder Straßenzüge der historischen Karten heute befinden. Er kennt jede Ecke, weiß, welches Haus abgerissen wurde und wo heute moderner Asphalt über dem alten Pflaster liegt.
Diese Faszination hat mich angesteckt: Manchmal nehme ich Karls alte Postkarten und fotografiere die Motive aus exakt derselben Perspektive im Heute nach. Die Transformation unserer Heimat wird dadurch greifbarer.

Kloster Maria Lourdes aus Karls Sammlung und so schaut’s aktuell aus – Karl Scheck

Wenn die Enkelkinder zu Jägern werden

Das Faszinierendste an der Pillichsdorfer Sammlung ist aber die Dynamik dahinter. Die Leidenschaft hat längst die nächste und übernächste Generation infiziert. Postkartensammeln ist in der Familie zum Teamsport geworden.
Hat Karl früher mit seiner Tochter alle Flohmärkte abgeklappert, war die Suche nach den passenden Kartenmotiven aufwändig. „Erstens hatte man nie im Kopf, ob man diese Version der Karte schon hatte. Auch mussten Unmengen an Fotos durchsucht werden, bis man auf genau die eine Karte gestoßen ist, die Einzug in die Sammlung halten durfte“, schildert der Sammler.
„Mit den Online-Verkaufsplattformen ist das heute herrlich. Ich kann sofort vergleichen, ob ich die Postkarte schon habe, und ich finde sie auch auf Anhieb. Das Sammeln wird tatsächlich um einiges erleichtert“, schildert Roswitha Lauda-Scheck, die Tochter von Karl.
Während Karl das historische Fachwissen besitzt, steuern seine Tochter und die Enkelkinder die digitale Kompetenz bei. Gemeinsam durchforsten sie Online-Auktionsplattformen im In- und Ausland. Wenn irgendwo im Netz eine seltene Karte aus dem Raum Wolkersdorf auftaucht, glühen die Drähte.

Karl Scheck der Familienmensch: Mit Ehefrau Anna und seinen Enkelsöhnen Dominik und Alexander.

Vom Ahnenforscher zum Postkartenjäger

Karls Sammelleidenschaft begann eigentlich mit der Ahnenforschung. Um Archivgebühren (200 Schilling pro Stunde) in den Pfarren zu sparen und Übertragungsfehler zu vermeiden, schaffte er sich einen mobilen Scanner an und digitalisierte die alten Pfarrbücher. Bis heute widmet er diesem Hobby täglich mehrere Stunden und erfasste bereits über 30.000 Personen.
Aus diesem Hobby entstand 1999 dann seine zweite Leidenschaft. Das Sammeln regionaler Postkarten. Besonders suchte er nach handschriftlichen Grüßen, um die Absender in seinen Aufzeichnungen wiederzufinden. Dieser Sammlervirus steckte auch Tochter Roswitha an, die seit 2002 Ansichtskarten aus dem Raum Bad Vöslau sammelt, damit sie ihren Kinder auch die Heimat der anderen Großeltern näher bringen kann.

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