Der Wolkersdorfer Klangmacher


Beitragsbild: © Josef Jarisch

Er unterrichtet nicht bloß Musik. Er entfacht Begeisterung dafür, öffnet Räume für Improvisation, ermutigt zum spielerischen Umgang mit Klängen und inspiriert damit Generationen. Alexander Blach-Marius ist Musikschuldirektor, Pianist, Komponist, Arrangeur. Vor allem aber: Musiker durch und durch.

Pianist mit Leidenschaft. © Alexander Blach-Marius


Auf der Bühne breitet sich ein buntes Weinviertler Panorama aus Natur, Tieren und Fantasie aus. Die Darstellerinnen und Darsteller sind Kinder und Jugendliche, ihre Freude springt mühelos auf das Publikum über. Das Musical „RuWi – Kleine Schnecke, große Freundschaft“ ist dabei weit mehr als eine lose Aneinanderreihung von Kinderliedern. Aus der Feder von Alexander Blach-Marius entstanden, verfolgt das Stück eine klare pädagogische Idee, nämlich Kindern ihre Region näherzubringen. Dies getragen von Musik, die weit größer klingt, als man es von einem Kindermusical erwarten würde – orchestral. „Es muss schon nach großer Bühne klingen“, sagt er. Nach dem Klang eines echten Musicals eben.
Die Intention dahinter ist eindeutig: die eigene Leidenschaft für Musik weiterzugeben. „Junge Leute mit einem Ziel, einem gemeinsamen Anspruch, haben mehr Freude an der Musik. Das motiviert“, sagt er. Denn Musikunterricht erschöpft sich für ihn nicht in Notenlehre, Technik oder Fingerfertigkeit. „Im besten Fall geben wir Lehrende den Kindern das Werkzeug mit, einen musikalischen Kosmos zu erschließen.“

Voller Einsatz bei der Aufführung des Kindermusicals. © Martina Hirschbüchler

Zum Glück habe sich die Pädagogik grundlegend verändert. Das akribische Mitklopfen des Taktes allein und der strenge Fingerzeig bei falschen Tönen gehören längst der Vergangenheit an. Heute seien Neugierde und Offenheit gefragt, auch auf Seiten der Lehrkräfte. Natürlich gebe es Rahmenbedingungen und Prüfungsordnungen. Das Land Niederösterreich investiere schließlich in seine Musikschülerinnen und -schüler und wolle Lernfortschritte sehen. Innerhalb dieses Rahmens aber hätten Lehrkräfte große Freiheiten: wann Prüfungen stattfinden, in welcher Form sie abgelegt werden und welche musikalischen Zugänge gewählt werden. „Es muss nicht zwingend das polyphone Werk der Barockzeit sein, wenn’s auch mit Jazzrhythmen funktioniert“, schmunzelt Blach-Marius.

Jazz & more: Alexander Marius-Blach spielt in verschiedenen Ensembles. © Elina Arabella Blach, Alexander Blach-Marius


Jazz zählt überhaupt zu den großen Leidenschaften des Musikschuldirektors. Seine Ausbildung absolvierte der gebürtige Wiener an der Hochschule für Musik in Wien, der heutigen mdw – Universität für Musik und darstellende Kunst Wien. Klavier als Hauptfach, später kamen Dirigieren und Komposition hinzu. Es folgten Kammermusik beim Altenberg-Trio am Konservatorium der Stadt Wien sowie Jazzpiano bei Erwin Schmidt. Bereits während des Studiums begann Blach-Marius zu unterrichten. 1992 wurde die Musikschule Wolkersdorf gegründet, seit 1993 unterrichtet er dort, 2012 übernahm er die Leitung.
In diesen Jahren hat er vieles von dem umgesetzt, was ihm für die musikalische Zukunft der Region wichtig erschien: Er vertiefte die Zusammenarbeit mit den Musikvereinen und unterstützte deren Jugendarbeit, erweiterte das Unterrichtsangebot um Fächer wie Oboe, Harfe, Jazz-, Pop- und Rockgesang sowie zuletzt modernen Tanz, stärkte die öffentliche Präsenz der Musikschule und baute die musikalische Frühförderung aus. Mit der Gründung eines Musical-Orchesters schuf er außerdem ein Ensemble, in dem sämtliche Instrumentengruppen – von den Streichern über die Bläser bis hin zu Schlagwerk und Band – zusammenfinden.
Parallel dazu bewegt er sich seit Jahrzehnten mit sichtlicher und hörbarer Freude durch die heimische Jazzszene, mittendrin im „Wiener Jazz-Jetset“, wie er lachend erzählt. Mit dem Umzug ins Weinviertel intensivierte sich naturgemäß auch der Austausch mit Musikerinnen und Musikern der Region. Dass daraus zahlreiche Projekte entstanden, überrascht kaum. Seit mittlerweile zwanzig Jahren etwa laufen die Jazz-Sessions im babü Wolkersdorf mit bemerkenswertem Erfolg. Ebenso lange existiert das Ensemble „Jazzviertler“ und zwar, wie Blach-Marius nicht ohne Stolz betont, in Originalbesetzung. 2008 gründete er zudem die erfolgreiche Formation „Alexander’s Ragtime Band“.
Vielseitigkeit scheint überhaupt sein Leitmotiv zu sein. Die Proben für das diesjährige Musical auf der Felsenbühne Staatz haben bereits begonnen. „Ghost – Nachricht von Sam“ steht heuer auf dem Spielplan. Als Orchestermitglied begleitet Blach-Marius die Produktionen der Felsenbühne seit vielen Jahren. Mit Musical-Intendant Werner Auer verbindet ihn eine lange Reihe gemeinsamer Projekte: Austropop, Filmmusik, Musicalproduktionen, Las-Vegas-Shows mit Andy Lee Lang – das Programm ist so bunt wie die Musik nur sein kann. Dazu kommen zahlreiche weitere Projekte: die musikalische Begleitung von Lesungen mit Martin Neid, die Mitarbeit beim Musiktheater Mistelbach, heuer bei der „Rocky Horror Picture Show“, oder das mehrjährige Art Event in Wolkersdorf.

Alexander Blach-Marius‘ Leitmotiv ist Vielseitigkeit. © Ulrike Potmesil


Und dann sind da natürlich noch die Kompositionen und Arrangements, die er schreibt. „RuWi – Kleine Schnecke, große Freundschaft“ etwa: In diesem Musiktheater für Kinder begibt sich Schneckenkönigin RuWi auf eine Rettungsmission durch die Region Wolkersdorf. Ein Stück mit pädagogischem Mehrwert auf mehreren Ebenen, bei dem Umweltbildung, Musikvermittlung, Bühnenerfahrung und Teamarbeit ineinandergreifen. „Mein erstes Kindermusical war 2009 ‚Das kleine Ich bin Ich‘“, erzählt Blach-Marius. Wenige Jahre später folgte mit dem Familienmusical „Betty Bernstein“ der nächste große Erfolg: Fünf Darstellerinnen und neun junge Musikerinnen und Musiker gingen damit auf Tournee. Erzählt wurden die historischen Geschichten rund um die berühmte Bernsteinstraße, kindgerecht und familienfreundlich aufbereitet. „Für manche war das die Initialzündung für ihre spätere Musikerkarriere“, erzählt der Musikpädagoge. Im Sommer 2017 mündete das Projekt schließlich in eine CD-Aufnahme des Musicals „Betty Bernstein“ in den MG-Studios in Wien. Im selben Jahr folgte „Momo und die Zeitdiebe“, realisiert im Rahmen des damaligen Weinviertel-Festivals.

Alexander Blach-Marius am Piano. © Günter Hiesel

Neugierde und Offenheit, das fordert Blach-Marius nicht nur von seinen Schülerinnen und Schülern, er lebt es selbst konsequent vor. So initiierte er bereits 2004 den ersten Wolkersdorfer Kompositionswettbewerb für neue Musik. Als Euregio-Projekt in Österreich, Tschechien und der Slowakei ausgeschrieben, erreichten die Veranstalter Einsendungen aus aller Welt. „Das war so einzigartig, das hat richtig Wellen geschlagen“, sagt er nicht ohne Stolz. Acht Uraufführungen gingen schließlich aus diesem Wochenende hervor. Freie Tonalität, Klangflächen, grafische Notation, das Arbeiten mit Geräuschen – fernab vom Mainstream entstand für einige Tage ein ungewöhnlicher Klangkosmos, der Wolkersdorf musikalisch verwandelte.
Überhaupt nehmen Improvisation und elementare Komposition im Unterricht einen zentralen Stellenwert ein. Für Workshops lädt er regelmäßig Komponistinnen und Komponisten ein. Den Abschluss bilden Aufführungen jener Werke, die seine Schülerinnen und Schüler selbst geschaffen haben. Alexander Blach-Marius‘ Arbeit macht Musik nicht bloß hörbar, sondern im gemeinsamen Spiel erlebbar, auf großen und kleinen Bühnen und immer mit dem Anspruch, jungen Menschen eine eigene musikalische Stimme zu geben.

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