Anneliese und das Glück im Hier und Jetzt

Mein jüngster Termin führte mich zur Familie Mayer nach Ketzelsdorf im Bezirk Mistelbach. Johanna Mayer hat sich bei mir gemeldet, weil ihr das Weinviertel Remasuri und die Geschichten mit Tiefgang gefallen – auch ihr eigenes Familienleben sei schließlich ein Remasuri und habe diesen Tiefgang. In dem gemütlichen Haus in der Großgemeinde Poysdorf lerne ich mit ihrer Schwägerin Anneliese eine ganz besondere Frau kennen, deren Herzlichkeit und Lebensfreude mich vom ersten Moment an berühren. Wir kommen ins Gespräch, blättern gemeinsam durch Fotoalben und während Johanna von ihrem Zusammenleben erzählt, erlebe ich, wie sehr Anneliese den Augenblick genießen kann – und verstehe, warum Johanna mir von ihr erzählen wollte.

Titelbild: Josef, Anneliese und Johanna Mayer in ihrem Garten in Ketzelsdorf.

Schon kurz nach meiner Ankunft heißt mich Anneliese mit einem Paar warmer Fellhausschuhe Willkommen, und spätestens als wir gemeinsam über den beiden Fotoalben ihres 60. Geburtstags sitzen, bin ich mittendrin in ihrem Leben, in dem die Familie ebenso ihren festen Platz hat wie die Kolping-Werkstätte, der tägliche Friedhofsbesuch und die Freude an einer gelungenen Feier. Während wir die Bilder anschauen, erzählt vor allem Johanna von den kleinen und großen Begebenheiten ihres Zusammenlebens, von lieb gewonnenen Gewohnheiten, gelegentlichen Meinungsverschiedenheiten und davon, wie viel Anneliese ihrer Familie zurückgibt.

Ich hatte mich auf ein Gespräch eingestellt, auf eine Lebensgeschichte, die ich kennenlernen und aufschreiben darf. Was ich von diesem Nachmittag mitnehme, ist aber auch das Gefühl, jemandem begegnet zu sein, der etwas ganz selbstverständlich lebt, das mir selbst nicht immer gelingt: den Moment zu genießen, ohne gedanklich schon beim nächsten Termin oder bei den Aufgaben von morgen zu sein.

Ein Platz in der Familie

Anneliese wurde 1964 geboren und wuchs gemeinsam mit ihrem acht Jahre älteren Bruder Josef auf dem Hof ihrer Eltern Agnes und Josef auf. Den Kindergarten besuchte sie in Kleinhadersdorf, weil dort, anders als in Poysdorf, ein Platz für sie frei war. Ihre Mutter Agnes begleitete sie durch eine Kindheit, in der die Familie früh einen schweren Verlust verkraften musste: Als Anneliese acht Jahre alt war, starb ihr Vater Josef, und ihr damals erst 16-jähriger Bruder Sepp übernahm die Landwirtschaft.

Anneliese lebt mit einer geistigen Behinderung. Um ihr eine möglichst gute Förderung zu ermöglichen, entschied sich Agnes für die Schule Am Himmel in Wien, wo Anneliese im Internat untergebracht war. Die Trennung fiel ihrer Mutter schwer, erzählt Johanna, dennoch war ihr wichtig, ihrer Tochter diese Möglichkeit zu geben. Sie besuchte sie regelmäßig, auch ihre Erstkommunion feierte Anneliese dort.

Nach dem Ende der Schulpflicht kam sie zunächst in die Tagesbetreuung in das Kolpinghaus nach Poysdorf und wechselte später mit dem damaligen Leiter nach Mistelbach, wo gerade eine neue Einrichtung eröffnet worden war. Das ist mittlerweile rund 45 Jahre her, und die Kolping-Werkstätte ist bis heute ein wichtiger Teil ihres Lebens.

Zu Hause lebte Anneliese lange in einem eigenen Haus mit ihrer Mutter zusammen. Die beiden waren eng miteinander verbunden, teilten ihren Alltag und ihre Gewohnheiten. Als Agnes 2008 starb, kam Anneliese zunächst zum Schlafen ins Gästezimmer von Johanna und Sepp – und schnell stand fest, dass sie bleiben sollte. Dass sie dauerhaft im Kolping-Wohnhaus leben könnte, war für die Familie kaum vorstellbar, denn ihr Zuhause war hier, bei ihnen.

Wie viel diese Selbstverständlichkeit, für Anneliese da zu sein, schon ihrer Mutter bedeutet hatte, zeigt eine Geschichte vom ersten Kennenlernen zwischen Johanna und Anneliese. Weil Agnes auf Reha war, wohnte Anneliese damals für drei Wochen im Kolpinghaus. Johanna war erst seit kurzem mit Josef beisammen und sollte nun endlich Anneliese kennenlernen. Daher holte Johanna ihre Schwägerin ab, wollte aber auf dem Heimweg noch etwas in einem Möbelhaus erledigen. Für Johanna war ganz selbstverständlich, dass Anneliese sie begleiten sollte.

„Und da hast du Anneliese mitgenommen?“, fragte Agnes später, worauf Johanna nur antwortete: „Ja freilich.“

Agnes weinte vor Rührung. Für Johanna war an der gemeinsamen Besorgung nichts Außergewöhnliches gewesen, für Annelieses Mutter bedeutete das offenbar sehr viel.

Eine Frau, auf die man sich verlassen kann

Morgens abgeholt werden, den Tag in der Werkstätte verbringen und nachmittags wieder heimkommen: Dieser Rhythmus begleitet Anneliese seit Jahrzehnten. Lange war sie im Kolpinghaus fürs Bügeln bestimmter Wäschestücke zuständig, eine Aufgabe, die sie genau und verlässlich erledigte. Aber es steckt auch eine große Künstlerin in Anneliese: Sie hat ihre Leidenschaft für Mandalas entdeckt, früher hat sie auch viel Zeit mit Sticken und Teppichknüpfen verbracht.

Besonders gerne schreibt Anneliese Listen, weshalb ihr das Führen der Anwesenheitsliste in der Früh, sobald sie im Kolpinghaus ankommt, gut liegt. Sie kennt die Menschen, weiß über die Abläufe Bescheid und bekommt mit, was sich tut. Und weil Neuigkeiten auch erzählt werden wollen, bleibt manches nicht lange ein Geheimnis, wie Johanna schmunzelnd berichtet.

Mit ihrer ruhigen und angenehmen Art ist Anneliese in der Gemeinschaft geschätzt, und die vielen Begegnungen sorgen dafür, dass ihr Alltag abwechslungsreich bleibt. Trotzdem stand für sie vor ihrem 60. Geburtstag fest, dass nun die Pension beginnen müsse. Schließlich wird man 60, da geht man in Pension.

Ganz auf die Werkstätte zu verzichten, hätte allerdings bedeutet, viel Zeit zu Hause zu verbringen, und auch Johanna braucht ihren Freiraum. So wurde nachgefragt, ob ein freier Tag in der Woche möglich wäre, und seither gehört der Mittwoch Anneliese. Da schläft sie sie bis halb zehn, und einmal im Monat geht es zum Pfarrkaffee, das ihre Firmpatin organisiert.

Dort hilft sie beim Abräumen, bekommt dafür viel Lob und trägt nebenbei dazu bei, den Altersschnitt ein wenig zu senken, wie Johanna lachend erzählt.

Mit Walkingstöcken und Bauchtasche

Dass Anneliese eine Anregung durchaus beim Wort nimmt, zeigt die Geschichte ihrer Walkingstöcke. Johanna hatte eher beiläufig gemeint, sie könnte ein bisschen Sport machen, woraufhin Anneliese die in der Garage stehenden Stöcke ihrer Schwägerin nahm und damit zum Friedhof ging – mit einer ihrer obligatorischen Handtaschen und mit Stöcken, die ihr deutlich zu lang waren.

Zu Ostern wurden eigene, verstellbare besorgt, und mittlerweile ist auch die Handtasche einer Bauchtasche gewichen. Seither gehört das tägliche Gehen mit den Walkingstöcken zu ihrem Programm, wobei sie ihre Strecke angepasst hat: Statt der gewohnten Hausrunde geht sie jetzt hintaus, weil dort auch die anderen Sportler im Ort unterwegs sind.

Am Friedhof schaut sie nach den Gräbern und plaudert mit den Menschen, denen sie begegnet. Auch in die Kirche in Ketzelsdorf geht sie regelmäßig, durchaus allein, und am Samstag hilft sie Johanna im Haushalt.

Überhaupt hat vieles seinen festen Zeitpunkt, denn nach Anneliese könne man die Uhr stellen, sagt ihre Schwägerin. Die Essenszeiten bleiben gleich, ob Sommer oder Winter, und Haare gewaschen wird am Montag, Mittwoch und Samstag. Wenn man an einem dieser Tage spät nach Hause kommt, braucht es deshalb mitunter einiges an Überzeugungsarbeit, damit die Haarwäsche ausnahmsweise warten kann.

Johanna erzählt das mit Zuneigung, aber auch mit dem Wissen, dass im gemeinsamen Alltag die Bedürfnisse aller Platz haben müssen. Als sie noch berufstätig war, konnte sie vieles weniger flexibel handhaben als zuvor Annelieses Mutter, und so musste sich auch manche Gewohnheit verändern.

Das gefällt Anneliese nicht immer, gelegentlich murrt sie und zieht sich in ihr Zimmer zurück. Johanna, früher Volksschullehrerin, bleibt dann konsequent, und irgendwann kommt Anneliese wieder, um sich zu entschuldigen – manchmal auch dann noch, wenn Johanna längst nicht mehr weiß, worüber sie sich eigentlich uneinig gewesen sind.

Gemeinsame Zeit und vertraute Rituale

Zu dem Zusammenleben der beiden Frauen gehören viele Dinge, auf die sich beide freuen. Nach der Fußpflege gehen sie gemeinsam essen, wobei Anneliese die Einladung übernimmt, und für ihren Mädelsurlaub fahren sie für drei Nächte nach Mariazell. Johannas Tochter bringt sie hin, der Ehemann und Bruder Sepp holt sie wieder ab, und dazwischen haben die beiden ihr bewährtes Programm, das ihnen auch nach mehreren Besuchen nicht langweilig wird. Neue Bekanntschaften ergeben sich ohnehin immer wieder.

Andere Rituale reichen noch in die Zeit mit Agnes zurück, etwa die Besuche bei Lore, einer entfernten Verwandten, die Mutter und Tochter zweimal im Jahr zu sich einlud. Nach Agnes’ Tod hat Johanna diese Besuche beibehalten.

Lore sammelt Brautpaarbilder, und während Johanna zunächst zum Plaudern bleibt, zieht es Anneliese irgendwann ins Wohnzimmer, wo sie sich bis zum Abend mit dem Sortieren der Fotos beschäftigen kann. Da werden etwa die Bräutigame mit Handschuhen von jenen ohne Handschuhe getrennt, und Anneliese hat eine Aufgabe gefunden, der sie sich ausgiebig widmen kann.

Bei großen Ereignissen sitzt sie wiederum mit der Familie daheim in Ketzelsdorf vor dem großen Fernseher, ob eine Krönung übertragen wird, ein Staatsbegräbnis oder der Opernball. Für Letzteren darf es auch das Satinnachthemd sein, dazu gibt es Sekt und Soletti.

95 Gäste und alle tanzten mit Anneliese

Wie groß der Kreis der Menschen ist, die zu Annelieses Leben gehören, wurde bei ihrem 60. Geburtstag sichtbar. Johanna hatte eine Gästeliste geschrieben, auf der schließlich 95 Menschen standen, und Anneliese hatte einen sehr konkreten Wunsch für ihr Fest: Jeder Gast sollte mit ihr tanzen.

Das gelang auch, wobei ihr gutes Gedächtnis durchaus hilfreich war. Nach einer kurzen Pause konnte sie genau aufzählen, wer noch nicht an der Reihe gewesen war, sodass auch die weniger begeisterten Tänzer nicht auskamen. Mit jedem Gast wurde außerdem ein Foto gemacht, und wenn Johanna von der Stimmung erzählt, vergleicht sie diese mit einem Kirtag.

Ihre Firmpatin und Johanna sangen auf Annelieses Wunsch ein eigens geschriebenes Lied, und die Freude an diesem Geburtstag reichte weit über den Tag hinaus: Ihr Geburtstagskrönchen setzte Anneliese nach der Feier noch jeden Abend auf.

Nun sitzen wir gemeinsam vor den beiden Alben, in denen all diese Begegnungen festgehalten sind, und ich kann gut verstehen, dass sie die Bilder gerne anschaut.

Johanna sagt, das Leben mit und für Anneliese falle ihnen leicht, weil sie sich über Kleinigkeiten freue, dankbar sei und der Familie mit ihrer Ausstrahlung viel Kraft gebe. Gerade die Enkelkinder würden durch sie ganz selbstverständlich erleben, was Inklusion bedeutet, ohne dass Anneliese ihnen das erklären müsste.

Was Johanna damit meint, zieht sich für mich durch all ihre Erzählungen: Anneliese gehört dazu, beim Einkaufen ebenso wie im Urlaub, mit ihren Aufgaben, ihren Wünschen und ihrem ganz eigenen Kopf. Sie braucht in manchen Bereichen Unterstützung und ist in anderen diejenige, die genau weiß, wer fehlt, was noch zu tun ist oder wer beim Geburtstagsfest noch nicht getanzt hat.

Jeden Abend sagt sie zu ihrer Familie: „Ich bin so glücklich und hab euch so gern.“

Es ist ein Satz, der mir nach meinem Besuch in Erinnerung bleibt, ebenso wie die Fellhausschuhe zur Begrüßung und die Freude beim gemeinsamen Anschauen der Fotos. Und ich nehme mir vor, selbst wieder öfter auszusprechen, wenn es mir gerade gut geht und ich froh bin, die Menschen um mich zu haben, die zu meinem Leben gehören.

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