Techno im Weinkeller, Feminismus am Silo
Beim Auftakt des Viertelfestival 2026 zeigt das Weinviertel, wie störrisch Kultur sein darf
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Beitragsbild © Ulrike Potmesil
Kultur stellt die richtigen Fragen, singt Jimmy Schlager. Und das Weinviertel liefert die Antworten. Bei der Eröffnung des Viertelfestivals kommt auf die Frage „Was geht ab?“ jedenfalls prompt die Antwort: „Das geht ab!“ Und zwar heuer exakt 53-mal.
„Das geht ab” lautet der Slogan des 25. Viertelfestivals. 2001 wurde es unter der damaligen Landeshauptmann-Stellvertreterin Liese Prokop – später Innenministerin – aus der Taufe gehoben. Das Markenzeichen des Festivals: Niederösterreichs Kultur will nicht bloß bewahren und gefallen. Sie darf auch störrisch sein, kritisch, manchmal sperrig und gelegentlich bewusst unverständlich. „Wenn hier nicht kontroversielle Diskussionen entstehen, dann wäre es falsch“, sagte Liese Prokop schon damals. Mit Kunst im öffentlichen Raum gelingt das immer wieder vortrefflich – schon zu ihren Anfangszeiten mit dem provokanten Schlürfbrunnen samt Bushälften in Staatz. Und auch 2026 will das Weinviertel auf widerspenstige Kultur nicht verzichten. Das verspricht Martin Vogg, Geschäftsführer der Kulturvernetzung Niederösterreich, bei der Auftaktveranstaltung des Weinviertelfestivals.

So etwa “verschreckt” eine feministische Kunstaktion und sorgt schon im Vorfeld durchaus für Diskussionen. Erst nach längerer Suche fand sich ein Silo-Eigentümer, der das Projekt beherbergen wollte, nun wird es in Raasdorf im Marchfeld realisiert. „So lange“, lautet der Titel, und gleich der erste Spruch hat es in sich: „So lange a Bäurin zu viel hacklt, oba zu wenig Anerkennung kriagt, bin i Feministin!“ „Kein arger Spruch“, meint Vogg trocken. „Aber arg ist, dass Frauen noch immer Gleichstellung einfordern müssen.“ Oder die Idee, eine Kirche zur Manege zu machen: ein Sakralraum als Zirkuszelt klingt zunächst nach einem Gespräch, das mit ein paar Gläsern Veltliner sehr spät geworden ist. Im Weinviertel wird daraus ein Festivalprojekt. Gewagt, aber gerade deshalb stimmig. Entsprechend fulminant präsentierte sich die Zirkusproduktion „Plötzlich:Mensch“ in der Pfarrkirche von Korneuburg. Eine Show zwischen Licht und Projektionen, Orgelmusik und circensischen Darbietungen von Alma Gall, Clara Zeiszl, Lisa Hochrainer und Rosa Dreher. Das Viertelfestival funktioniert immer dann am besten, wenn Kultur ein bisschen unbequem ist, dort wo man sich etwas traut.

Durch 200 Projekteinreichungen musste sich die Jury arbeiten, 53 davon wurden ausgewählt. Die gesamte Liste findet sich online auf viertelfestival.at sowie in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift „KunstStoff“, die sich ganz dem Motto „Das geht ab“ widmet. Zwischen Silos, Kirchenräumen, Kellergassen und rappenden Winzern zeigt das Festival vor allem eines: Im Weinviertel ist kulturell etwas los. „Die Projekte zeigen, wie Künstlerinnen und Künstler in den unterschiedlichsten Räumen aktiv mitgestalten und dass ein Miteinander auch im kleinsten Raum möglich ist“, sagt Landtagsabgeordneter und Hausherr Bürgermeister Christian Gepp bei der Eröffnungsfeier.
Seine Liebe zur Heimat besingt Jimmy Schlager im Lied „Du bist so a schenes Land“. „Ich wollte ein Heimatlied abseits vom Nationalismus schreiben“, erzählt er. Schließlich komme er viel herum und kenne das Land daher gut – „weltweit in Österreich unterwegs“, wie er schmunzelnd ergänzt. Wir sind halt Grantler und manchmal „g’feanzt“, aber immer mit Schmäh, lautet das Resümee seines Songs.

Mit reichlich Schmäh treten auch die Weinviertler Winzer auf, genauer gesagt jene aus Jedenspeigen und Sierndorf an der March. Sie kredenzten nicht nur die Weine des Abends, sondern präsentierten gleich auch ihren musikalischen Zugang zum Weinmachen. „Techno at the Winery“, featuring Mieze Medusa und Elena Sarto, entpuppt sich als kongeniale Mischung aus Performance, Lesung und Kellergassen-Rave. Winzer in gelben Schutzanzügen und Gummistiefeln sorgen mit Schrubbern, Weinpumpen und Weinflaschen-Schlagzeug für den Rhythmus, während das Festivalprogramm in Rapform vertont wird. Spätestens da ist auch das Publikum nicht mehr zu bremsen: „Was geht ab?“ – „Das geht ab!“

Der Abend ist sozusagen ein Festival in Probiergröße: Ob eindrucksvolle Fotokunst, kreative Musik, Literatur oder Kulinarik – etwa in Form von Wuchteln mit Fisolen, serviert von Krimiautorin Eva Rossmann – die Einblicke machten Lust auf mehr. Oder, wie es Landtagsabgeordneter Kurt Hackl formulierte: „Nicht auf die lauten, sondern auf die leisen Töne zu hören, ist die Kunst.“



Weinviertelfestivaleröffnung 2026 im ehrwürdigen Stadtsaal Korneuburg. © (3) eSeLat_LorenzSeidler.
Und vielleicht liegt genau darin die Stärke des Viertelfestivals: Kunst schafft Begegnung. Kunst bringt Leute dazu, gemeinsam in einer Halle zu stehen und Dinge ernst zu nehmen, über die sie sonst vermutlich lachen würden – oder umgekehrt. Wer bei einem Konzert innehält und sich umsieht, merkt schnell, dass die anderen gerade dasselbe fühlen. Kunst verbindet, stiftet Identität und bringt Menschen miteinander ins Gespräch. Vielleicht ist das der eigentliche Zweck solcher Abende: dass Menschen plötzlich gemeinsam über feministische Silos oder Techno-Winzer diskutieren. Im Weinviertel funktioniert das besonders gut. Jedenfalls hat es 2026 nicht vor, leise zu sein.
Den gesamten Programmüberblick findet ihr in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift „KunstStoff“ sowie online auf viertelfestival.at.

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