Stadtcafé Groß-Enzersdorf – das Wohnzimmer der Gemeinde
Als ich das Stadtcafé in Groß-Enzersdorf betrete, dauert es nicht lange, bis ich verstehe, warum dieses Café für viele Menschen mehr ist als nur ein Ort für Kaffee und Frühstück. Während meines Besuchs kommen immer wieder Gäste herein, werden herzlich begrüßt, umarmt oder setzen sich kurz zu uns an den Tisch. Alle haben etwas über die Chefin zu erzählen. Und alle erzählen es mit einem Lächeln.
Die Chefin heißt Naxhije Saglam. Eine Frau mit viel Energie, noch mehr Herzlichkeit und einer bemerkenswert klaren Haltung.
„Eigentlich wollte ich mich nach meinem letzten Job in der Gastronomie erst einmal über den Sommer ausruhen“, erzählt sie lachend. Seit 15 Jahren arbeitet Naxhije schon in der Gastro. Ursprünglich wollte sie ein Kaffeehaus in Wien übernehmen. Stattdessen begann sie in Groß-Enzersdorf in einem Café zu arbeiten – weil die Sommerpause doch nichts für sie war. Schon bald war es ihr größter Wunsch, dieses Café zu übernehmen und etwas ganz besonderes daraus zu machen, ein Lokal mit Persönlichkeit und familiärem Flair.
Als sich vor rund einem Jahr die Möglichkeit ergab, das Lokal selbst zu übernehmen, kämpfte sie darum. Mit Erfolg.
„Ein Stadtcafé sollte für alle da sein“, sagt Naxhije. „Für junge Menschen, für ältere Menschen, für Familien, für Frauen, für Männer. Es sollte ein Ort sein, an dem man sich trifft.“
Ihr Ziel war klar: Das Stadtcafé sollte zum Wohnzimmer von Groß-Enzersdorf werden. Wer heute dort sitzt, bekommt schnell das Gefühl, dass ihr das gelungen ist.
Vom Frühstück bis zum Cocktail
Schon ein Blick auf die Speisekarte zeigt, dass hier viele Menschen ihren Platz finden. Morgens treffen sich Gäste zum Frühstück, mittags stehen Burger, Salate und weitere warme Speisen auf der Karte, nachmittags locken Kaffee und Mehlspeisen, und am Abend wird bei Cocktails und guten Gesprächen zusammengesessen.
Das Stadtcafé begleitet seine Gäste vom ersten Kaffee bis zum letzten Drink. Genau das macht es für viele zu einem festen Bestandteil ihres Alltags. Hier trifft man sich zum schnellen Kaffee, zum ausgedehnten Frühstück mit Freunden, zum Mittagessen mit der Familie oder zum gemütlichen Ausklang des Tages.
Und vor allem: Man fühlt sich willkommen.
Familie als Fundament
Naxhije führt das Café gemeinsam mit ihren beiden Söhnen Batu und Mahbub.
„Wenn ich das mache, brauche ich euch“, sagte sie damals zu ihnen.
Bis heute halten beide dieses Versprechen ein.
Batu arbeitet fix im Betrieb und kümmert sich unter anderem um die Buchhaltung. Schon während seiner Schulzeit hatte er einen ungewöhnlich konkreten Berufswunsch. Während andere von großen Karrieren träumten, sagte er in der HAK: „Irgendwann möchte ich mit meiner Mutter ein Café führen.“
Heute lebt er diesen Traum. Nebenbei trainiert er auch noch Kinderfußball in Groß-Enzersdorf. Der jüngere Sohn Mahbub springt ein, wann immer er gebraucht wird. Insgesamt arbeiten sechs Personen im Team.
Dass die Familie eng zusammenarbeitet, merkt man sofort. Noch mehr merkt man allerdings, dass sie gerne zusammenarbeitet. Da wird miteinander gelacht, geholfen, eingesprungen und angepackt. Nicht weil man muss, sondern weil man will.
Ein sicherer Ort für Frauen
Besonders berührt hat mich eine Aussage einer Stammkundin. Sie schwärmte nicht nur vom Essen oder vom Service, sondern davon, wie sicher sie sich hier fühlt.
„Wenn sich jemand respektlos verhält, duldet Naxhije das nicht“, erzählte sie.
Und tatsächlich bestätigt die Chefin das ohne Zögern.
„Es ist meine Pflicht, dass sich Frauen bei mir wohlfühlen. Wer sich nicht benimmt, muss gehen. Auch wenn ich jemanden schon ewig kenne.“
Für sie zählt nicht der Umsatz, sondern der Charakter.
„Geld zu haben ist gut. Aber Geld ist nicht alles.“
Vielleicht ist genau das einer der Gründe, warum sich so viele Frauen hier treffen. Warum Freundinnen gemeinsam frühstücken, warum sich Gruppen regelmäßig etwa zu Kreativnachmittagen verabreden und warum manche Gäste fast täglich vorbeischauen.
Mehr als ein Café
Mittlerweile hat sich das Stadtcafé längst über die Stadtgrenzen hinaus einen Namen gemacht.
Was mit Kaffee, Frühstück und Mittagessen begann, entwickelte sich Schritt für Schritt weiter. Die Gemeinde fragte an, ob das Team ein Catering übernehmen würde. Naxhije probierten es aus – und es funktionierte hervorragend.
Danach kamen die ersten privaten Anfragen. Geburtstage. Hochzeiten. Silberhochzeiten.
Besonders die erste geschlossene Gesellschaft – eine Silberhochzeit – sei eine große Motivation gewesen, erzählt Naxhije. Zufriedene Gäste buchten gleich mal weiter und so sprach sich die Qualität rasch herum.
Heute gehören Caterings, Feiern und geschlossene Gesellschaften selbstverständlich zum Angebot.


Ein Treffpunkt für die Region
Dass das Stadtcafé mittlerweile ein wichtiger Treffpunkt geworden ist, zeigt sich auch an den regelmäßigen Veranstaltungen.
Alle zwei Wochen trifft sich hier die Gruppe „Gemeinsam kreativ im Marchfeld“. Jeden ersten Donnerstag im Monat findet eine Kaffeerunde statt. Besonders treu ist auch eine Mittwochsrunde, die das Café bereits seit den ersten Tagen unterstützt.
Stillstand gibt es nicht
Obwohl das Café erst seit rund einem Jahr besteht, denkt die Familie immer an neue Ideen.
Mehr Abwechslung, neue Frühstücksvariationen und zusätzliche Angebote sorgen dafür, dass Abwechslung an der Tagesordnung steht.
Besonders spannend klingt ein geplantes Frühstückskonzept: Gäste bestellen ein Grundfrühstück und können es nach Lust und Laune erweitern – mit Avocado, Hummus, Schinken, Butter oder anderen Extras.
Dabei verfolgt Naxhije ein Ziel, das ihr besonders wichtig ist:
„Die Leute sollen es sich leisten können.“
Qualität ja.
Aber zu Preisen, die für möglichst viele Menschen erschwinglich bleiben.
Sieben Tage die Woche
Wer mit Naxhije spricht, fragt sich irgendwann unweigerlich, wann sie eigentlich Freizeit hat.
Die Antwort ist kurz. Fast nie. Sie ist sieben Tage die Woche im Café.
„Zweimal verschwinde ich kurz“, erzählt sie lachend. „Einmal zum Wäschewaschen und einmal zum Einkaufen.“
Die Arbeitstage dauern oft 16 Stunden oder länger. Bereut oder angezweifelt hat sie ihre Entscheidung trotzdem nie. „Ich liebe meinen Job. Ich mache das nicht fürs Geld. Es macht mir wirklich Spaß.“ Und dann sagt sie noch etwas, das wohl am besten erklärt, warum dieses Café funktioniert: „99 Prozent meiner Gäste gehören zur Familie.“ Wer einige Stunden im Stadtcafé verbringt, versteht sofort, was sie damit meint.
Ausgezeichnet gegessen habe ich übrigens im Stadtcafe auch. In Erinnerung geblieben sind mir aber vor allem die Menschen. Die Umarmungen. Die persönlichen Begrüßungen. Die Wertschätzung, die man hier spürt. Vielleicht ist das das wahre Geheimnis des Stadtcafés. Es ist tatsächlich das geworden, was Naxhije von Anfang an wollte: Das Wohnzimmer von Groß-Enzersdorf.
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