Walpurga Antl-Weiser: Beharrlich auf den Spuren der Vergangenheit unterwegs
Fotos: ©Regina Courtier/Weinviertel-Remasuri
Mit 13 Jahren wollte sie wissen, was es mit alter Holzkohle in Stillfried auf sich hatte. Jahrzehnte später ist Walpurga Antl-Weiser noch immer auf der Suche nach Antworten. Die Prähistorikerin arbeitet mit Neugier, Sachlichkeit und einer gehörigen Portion Beharrlichkeit und ist ihrer Heimat Stillfried bis heute verbunden geblieben.
Manchmal beginnt eine wissenschaftliche Laufbahn mit einem Verbot
1969 machte in Stillfried an der March das Gerücht die Runde, dass alte Holzkohle gefunden worden sei. Gleichzeitig lag das Verbot in der Luft, keinesfalls zum Fundort zu gehen um die Ausgrabung nicht zu stören.
Für die damals 13-jährige Walpurga Antl-Weiser war das wie eine Einladung, neugierig zu werden. Sie wollte auch etwas entdecken.
Aus diesem jugendlichen Entdeckerdrang ist längst eine wissenschaftliche Haltung geworden. Genau hinschauen, Fragen stellen, Zusammenhänge prüfen. Und sich nicht vorschnell mit einer Antwort zufriedengeben.



Nicht der Fund allein zählt
Dass Walpurga Antl-Weiser Archäologie studieren würde, war zunächst nicht ausgemacht. Ihre Eltern hätten sich für ihre Tochter einen leichteren Berufsweg gewünscht. Sie studierte daher zunächst Französisch und Geschichte auf Lehramt, doch die Archäologie ließ sie nicht los.
Schon als Schülerin engagierte sie sich im Museumsverein von Stillfried.
Während ihres Studiums arbeitete sie an der Neukonzeption des Museums mit, 1986 übernahm sie dessen wissenschaftliche Leitung. Parallel dazu führte ihr beruflicher Weg ans Naturhistorische Museum Wien, wo sie jahrzehntelang in der Prähistorischen Abteilung tätig war und zuletzt als stellvertretende Abteilungsdirektorin arbeitete.



Ihre Forschung beschäftigt sich mit der Alt- und Jungsteinzeit, mit Kunst und Schmuck eiszeitlicher Menschen und mit der berühmten Venus von Willendorf. Doch wer mit Antl-Weiser über ihre Arbeit spricht, merkt rasch, dass sie keine Archäologin ist, die sich allein von der Faszination eines spektakulären Fundes begeistern lässt.
„Natürlich ist ein außergewöhnlicher Fund ein besonderes Erlebnis“, sagt sie. „Entscheidend ist aber, ihn in seinem Zusammenhang zu betrachten. Welche Informationen stecken in den Details? Was lässt sich tatsächlich daraus ableiten? Was erfahren wir über die Menschen, die den Gegenstand hergestellt oder benutzt haben?“
Diese sachliche Herangehensweise ist kein Mangel an Begeisterung. Sie ist vielmehr der Kern ihrer Arbeit. Ein Fund ist für Antl-Weiser erst der Anfang. Die eigentliche Aufgabe besteht darin, seine Aussagekraft zu verstehen.
Am Kranawetberg bei Grub nahe Stillfried wurde ein Lagerplatz aus dem Gravettien erforscht, einer Kultur der Altsteinzeit vor rund 25.000 Jahren. An den langjährigen Untersuchungen war Antl-Weiser maßgeblich beteiligt. Unter den Funden befand sich auch ein außergewöhnliches eiszeitliches Schmuckensemble.



Was verrät Schmuck über Menschen, die vor Jahrtausenden gelebt haben? Materialien, Herstellungstechniken und Gebrauchsspuren können Hinweise auf handwerkliche Fähigkeiten, Lebensweisen und Beziehungen geben. Doch jede Deutung muss sich an den Funden messen lassen. Die Vergangenheit wird nicht dadurch verständlicher, dass man sie mit schönen Geschichten ausschmückt, sondern indem man ihre Spuren sorgfältig untersucht.
Die Venus und die Sieben von Stillfried
Eines der bekanntesten Forschungsobjekte, mit denen sich Antl-Weiser beschäftigt hat, ist die Venus von Willendorf. Die elf Zentimeter hohe Figur zählt zu den berühmtesten Zeugnissen altsteinzeitlicher Kunst.
2012 veröffentlichte Antl-Weiser ihr Buch Die Frau von W. – Die Venus von Willendorf, ihre Zeit und die Geschichte(n) um ihre Auffindung.
Doch auf die Frage, welchen Fund sie niemals vergessen wird, führt ihre Antwort zurück nach Stillfried. Zu den
„Sieben von Stillfried“. Sieben fast vollständig erhaltene Skelette, die ineinander verschlungen gefunden wurden und heute im Museum zu sehen sind.
Was diesen Menschen widerfahren ist, bleibt ungeklärt. Die Skelette weisen nach den vorliegenden Angaben keine eindeutigen Spuren von Krankheiten oder äußerer Waffengewalt auf.



Gerade hier zeigt sich, was wissenschaftliche Beharrlichkeit bedeutet. Man möchte wissen, was geschehen ist. Man sucht nach Erklärungen, prüft Indizien und zieht Vergleiche heran. Und manchmal bleibt trotz aller Bemühungen eine Frage offen.
Antl-Weiser scheint mit dieser Grenze der Wissenschaft gut umgehen zu können. Nicht jede Lücke lässt sich schließen. Aber das ist kein Grund, mit dem Fragen aufzuhören.
„Was macht man daheim mit einem Fund?“
Auf die Frage, welchen archäologischen Fund sie gerne mit nach Hause nehmen würde, antwortet sie knapp: „Keinen. Was macht man daheim mit einem Fund? Niemand kann ihn sehen.“
Weiser-Antl erklärt das damit, dass der Fund eine Dokumentation der Geschichte ist. Er gehört in die Öffentlichkeit, müsse gezeigt werden und dient als Quelle historischen Wissens.
Die Antwort ist typisch für ihre pragmatische Sicht auf die Dinge. Ein archäologischer Gegenstand ist kein persönlicher Schatz, den man besitzen muss. Sein Wert liegt darin, dass er untersucht, eingeordnet und anderen Menschen zugänglich gemacht werden kann.



Vielleicht erklärt diese Haltung auch, weshalb Antl-Weiser Stillfried über Jahrzehnte treu geblieben ist.
Schon früh engagierte sie sich im örtlichen Museumsverein, später gestaltete sie das Museum wissenschaftlich mit und übernahm dessen Leitung. Hier geht es nicht nur um das Bewahren von Objekten, sondern darum, die Geschichte der eigenen Region verständlich zu machen.
Das ist Arbeit, die Ausdauer verlangt. Ein Museum lebt nicht allein von seinen Sammlungen, sondern auch von Menschen, die Wissen weitergeben, Fragen beantworten und Zusammenhänge erklären.
Die Neugier geht nicht in Pension
Auch nach ihrer beruflichen Pensionierung hat Walpurga Antl-Weiser nicht einfach einen Schlussstrich gezogen. Sie bleibt der Universität verbunden, arbeitet weiter, diskutiert und gibt ihre Erfahrung weiter.
„Nur weil ich in Pension bin, hindert mich ja nichts daran mich weiter einzubringen um weiter meine Sicht der Dinge vermitteln“.
Darin liegt etwas Unaufgeregtes. Sie muss ihre Arbeit nicht zur großen Berufung erklären. Es gilt Wissen zu teilen und sich weiterhin für die Vergangenheit zu interessieren.
Man kann Walpurga Antl-Weiser so beschreiben: Sie ist entschlossen, ohne vorschnell zu urteilen. Und sie weiß, dass Wissenschaft nicht darin besteht, auf alles eine Antwort zu haben, sondern die richtigen Fragen zu stellen und den Spuren so lange nachzugehen, wie es sinnvoll ist.



Dass sie ihren Mann Gerhard Antl bei einer Ausgrabung kennenlernte, passt beinahe selbstverständlich in diese Lebensgeschichte. Er studierte Geschichte und Anglistik und kam für einen Studentenjob nach Stillfried. Aus der gemeinsamen Arbeit an der Ortsgeschichte entwickelte sich auch eine persönliche Verbindung. Die Archäologie war für Walpurga Antl-Weiser eben nie nur ein Beruf, der sich sauber von ihrem übrigen Leben trennen ließ.






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