Kunst aus Ulrichskirchen: Die Welt braucht Liliths
Beitragsbild: Wilfried Swoboda
Die Kunst ist für Helga Petermann mehr als Beruf, sie ist ihre Lebensform. Ihre Skulpturen erzählen von Weiblichkeit, Widerstand und Rollenbildern und tragen unverkennbar ihre Handschrift.
Es ist die ewige Frage weiblicher Rollenbilder, der sich Helga Petermann aus Ulrichskirchen mit Nachdruck widmet. „Die Rolle, die wir aufs Aug gedrückt bekommen, die drei K: Kinder, Küche, Kirche.“ Erschreckend wenig habe sich verändert, sagt sie. Im Gegenteil. „Ich habe das Gefühl, es ist schlimmer geworden.“ Bereits vor 25 Jahren sprach sie das Thema in ihrer Kunst an – und wurde dafür milde belächelt. „Das ist doch längst nicht mehr so“, entgegnete man ihr damals. Nicht nur Männer, auch viele Frauen waren dieser Meinung. Und heute?



Elegant, wehrhaft und mit Stachel: Helga Petermanns Skulpturen zeigen die Weiblichkeit in vielen Facetten. © Wilfried Sowobda.
„Wenn ich mir die Stimmung auf den sozialen Kanälen ansehe, lese ich ständig von der Mutterrolle, von der Reduzierung auf den weiblichen Körper, egal ob Bodyshaming oder Bodypositivity.“ Bei einer Ausstellung entdeckte Petermann schließlich die Figur der Lilith: die erste Frau Adams, nicht aus seiner Rippe erschaffen, sondern ihm ebenbürtig aus Ton geformt. Eine Frau, die sich weigerte, sich unterzuordnen, und die dafür später in der Literatur zur Dämonin und Kindsmörderin gemacht wurde. Erst viel später wurde Lilith zur feministischen Symbolfigur weiblicher Selbstbestimmung und Emanzipation. Im Wohnhaus der Künstlerin in Ulrichskirchen, auf der Terrasse und im Garten, stehen tönerne Torsi in Lebensgröße, sind an den Wänden aufgereiht. Weibliche Figuren, ausgestattet mit Ketten, Dornen und wehrhaften Elementen, manche aber auch in Gold gehüllt, andere mit Blisterfolie bekleidet. „Die Welt braucht die Liliths“, bekräftigt Petermann. Ihre Figuren wirken elegant und zugleich bedrohlich, anziehend und manches Mal ein wenig erschreckend. „Kunst soll zum Denken anregen und nicht bloß unterhalten“, sagt sie. Sie sei keine Dekoration, dürfe ruhig einen kleinen Stachel hinterlassen.




Helga Petermanns Liliths. © Wilfried Swoboda
Haus und Garten sind vollständig der Kunst verschrieben, so wie sie selbst und ihr Ehemann Willi Swoboda, ebenfalls bildender Künstler. Der Garten wirkt wie eine verwunschene Feenlandschaft: gepflegt und doch wild, überwuchert von Efeu, üppig bewachsen mit Rosenbüschen und ausladenden Bäumen. Dazwischen tummeln sich unzählige Gestalten. Selbstverständlich Frauenfiguren, meist aus Ton. Ein Arrangement schlanker Körper schimmert metallisch, tatsächlich sind die Figuren aus Ton gefertigt und mit Metalllack überzogen. „Jetzt im Frühling werden sie gebürstet, dann glänzen sie wieder in der Sonne“, lächelt die Künstlerin. Zwischen Rosenbüschen räkelt sich eine zierliche Tongestalt halb mit dem Steinboden verwachsen. „Sie ist eigentlich schon eine alte Dame“, sagt Petermann zärtlich. Zwischen Arm und Brust rankt frisches Maigrün empor. Im Rosenbusch selbst blinzelt ein weiß glasierter Kopf hervor, wenige Schritte weiter stolpert man beinahe über die nächste Büste. Der Garten ist Kunstwerk und Atelier zugleich. Über viele Jahre hinweg machten Petermann und Swoboda diesen Ort auch zu einem Raum der Begegnung. „Roter Faden“ nannten sie ihr jährlich stattfindendes Kunstprojekt. Tatsächlich spannte sich ein kilometerlanges rotes Band durch den Garten, hinaus – „Hintaus“, weiter durch die Ortschaft bis zu einem Schaugarten und wieder zurück zum Haus. Besucher wurden empfangen, bewirtet und eingeladen zu erleben, wo und wie Kunst entsteht. Der „Rote Faden“ verband das Künstlerpaar enger mit Ulrichskirchen – und die Ulrichskirchner lernten die „seltsamen Künstler“ in entspannter Atmosphäre kennen.



Der „Zaubergarten“ in Ulrichskirchen. © Wilfried Soboda
Wobei Helga Petermann in Ulrichskirchen ohnehin keine Unbekannte ist. Im Gegensatz zu ihrem aus Floridsdorf zuag’rasten Ehemann ist sie hier aufgewachsen. Später zog sie nach Wien und begann dort als eine der ersten weiblichen Standesbeamtinnen ihre berufliche Laufbahn. Die Kunst war dennoch immer Teil ihres Lebens – neben Familie und zwei Kindern. Mit Mitte dreißig schlug sie beruflich einen neuen Weg ein und absolvierte an der Pädagogischen Akademie eine Ausbildung zur Sonderschullehrerin. Dort lernte sie nicht nur ihren heutigen Mann kennen, sondern auch ihre eigentliche Berufung. „Ich habe es geliebt, mit schwierigen Kindern zu arbeiten“, erzählt die mittlerweile pensionierte Pädagogin. Bildnerische Erziehung und Werken wurden zu ihren Schwerpunkten. „Pubertäre Burschen aus schwierigen familiären Verhältnissen, die für nichts zu motivieren waren, habe ich mit der Kunst drangekriegt“, sagt sie und lacht. Weil die Sonderschulpädagogik mehr Freiraum lasse als die Regelschule, habe sie alles genutzt, was kreatives Denken fördert. Sie arbeitete mit ihren Schülern in den Werkstätten großer Museen wie der Albertina und gab ihnen Raum für eigenes Schaffen. „Allein der Besuch von Museumsräumen tut etwas mit Menschen. Das spürt man.“
Mit dem Erwachsenwerden ihrer eigenen Kinder gewann Petermann zunehmend Zeit für ihr Kunstschaffen. Schließlich absolvierte sie in Krems ein Masterstudium in Provokativpädagogik bei Rotraud Perner, der aus Orth stammenden Juristin und Psychoanalytikerin. Im Mittelpunkt standen Deeskalation, Persönlichkeitsentwicklung und der Umgang mit Menschen mit besonderen Bedürfnissen – Themen, die auch in ihrer Kunst immer wieder anklingen. Petermanns Zugang zur Kunst ist ein zutiefst dreidimensionaler. Ton und Holz sind ihre bevorzugten Materialien. „Ich kann auch mit der Kettensäge umgehen“, sagt sie lachend. Trainiert habe sie das gemeinsam mit dem bekannten Holzschnitzkünstler Harry Raab. Das Zweidimensionale dagegen liege ihr nicht. „Ich muss die Werke von allen Seiten betrachten können.“ Manche ihrer Figuren wirken bewusst unvollendet: Arme fehlen, Unterkörper ebenso. Petermann arbeitet nicht additiv. Solange Ton in ihren Händen ist, formt sie weiter. Ist das Material aufgebraucht, gilt die Figur als fertig – auch wenn sie unfertig erscheint. Neben dem Terrassentisch steht eine schlanke Dame aus Ton ohne Arme. Stattdessen ragen Stahlnägel aus ihren Schultern. Wehrhaft wie Lilith eben.



Weiblichkeit in Ton, Porzellan und Metall. © Wilfried Swoboda
Von den vielen Jahre ihres künstlerischen Schaffens zeugt auch die entsprechend lange Liste an Ausstellungen. Viele davon realisierte das Künstlerpaar gemeinsam – etwa im Landesmuseum Graz oder kurz darauf im niederösterreichischen Landesmuseum in St. Pölten. Besonders lebhaft erinnern sich beide an eine Ausstellung bei Kurt Krames alias „Metall Zeit“. „Wir haben die Werkhalle in Wolkersdorf bespielt und die Maschinen mit Bildern, Skulpturen und Installationen in neue Dimensionen gerückt.“ Kunst als kritische Auseinandersetzung mit der Gesellschaft. Kunst, die nicht bloß schmücken will und gerade deshalb ästhetisch berührt. Kunst mit vielen Facetten.
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