Der Rußbach: Kanuparadies und Geschichte im Fluss

Beitragsbild: © Fotostudio Semrad

Böser Rußbach, guter Rußbach: Kaum ein Gewässer hat das Weinviertel so geprägt wie dieser unscheinbare Bach. Im Wolkersdorfer Atelier Staudinger erzählen Fresken aus dem frühen 16. Jahrhundert von seiner einstigen Bedeutung. Wassermänner und Nixen blicken dort von den Wänden, sind Sinnbilder für das ambivalente Wesen des Wassers: Lebenselixier und Bedrohung zugleich. 

Der Name „Rußbach“ geht auf das mittelhochdeutsche rust zurück, die Ulme, ein Hinweis auf die einst dichten Ufergehölze. Früher mäanderte der Bach durch Feuchtgebiete, Auwiesen und Nebenarme, bevor ihn der Mensch in ein Korsett aus Dämmen und Geraden zwang. Ursprünglich floss er im südlichen Marchfeld in die March, heute endet er in der Donau. In alten Quellen erscheint er als „böser Rußbach“ – ein Bach, der nahe Stockerau entsprang, aus dem Kreuttal schoss und den Menschen regelmäßig Sorgen bereitete. 

Die vielen Gesichter des Rußbachs. © Fotostudio Semrad

„Meist führte er zu wenig Wasser“, sagt der Wolkersdorfer Historiker Wolfgang Galler. Und manchmal plötzlich viel zu viel. Dann verwandelte sich das ruhige Gewässer in eine zerstörerische Kraft. Überschwemmungen, Dammbrüche und Schlammlawinen machten ganze Landstriche unbewohnbar. Besonders betroffen war das Gebiet zwischen Wolkersdorf, Pillichsdorf, Bockfließ und Auersthal. Dort verschwanden mittelalterliche Dörfer wie Helma, Wendling, Leubmannsdorf oder Eichenstauden, sogenannte Wüstungen. Doch nicht allein der Rußbach war schuld. Agrarkrisen, Kriege, die Kämpfe zwischen Matthias Corvinus und Friedrich III., im Zuge derer das Marchfeld verwüstet wurde, sowie die Kleine Eiszeit verschärften die Lage. Paradoxerweise war oft nicht das Hochwasser das größte Problem, sondern Trockenheit. Nahe des Rußbachs mussten bis zu 40 Meter tiefe Brunnen gegraben werden. „Viele Menschen verließen wegen Wassermangels die Region schon vor den Katastrophen, sagt Galler. 

Der gezähmte Rußbach in Wolkersdorf. © Ulrike Potmesil

Wie existenziell der Bach war, zeigt die Pegelstation Unterolberndorf, die bis 1905 bestand. Hochwasser wurden akribisch dokumentiert. 1740 stand Deutsch-Wagram derart unter Wasser, dass Fischerboote durch den Ort fuhren und an den Fenstergittern des Wirtshauses festgebunden wurden. Ein weiteres Extremereignis ereignete sich am 14. Juli 1941. Stundenlange Wolkenbrüche verwandelten Wege in reißende Ströme. Häuser stürzten ein, Felder versanken im Schlamm, metertiefe Gräben rissen durch den Lössboden. Auch heute tritt der Rußbach noch über die Ufer, etwa 2023, als bei Wolkersdorf sogar ein Fußballplatz kontrolliert geflutet wurde. Die Gefahr des Wassers versuchte man schon früh zu dämmen, und ab dem späten 18. Jahrhundert begann man konsequent damit, den Bach zu regulieren. Mäander verschwanden, das Flussbett wurde begradigt und abgesenkt. Aus einem natürlichen Gewässer wurde ein technischer Abzugsgraben. 

Der Rußbach im Schatten des Krieges 

Der von Menschenhand gezähmte Rußbach trägt auch ein verdrängtes Kapitel in sich: Teile seiner Regulierung entstanden durch Zwangsarbeit im Zweiten Weltkrieg. In mehreren Wellen wurden Rotarmisten, russische Zivilisten und schließlich jüdische Deportierte zu den Arbeiten herangeschafft. Nach der deutschen Besetzung Ungarns 1944 deportierte die SS hunderttausende Juden Richtung Auschwitz. Arbeitsfähige Menschen wurden zuvor selektiert und ins Durchgangslager Strasshof gebracht. Von dort verteilte man sie auf Gemeinden und Betriebe in Niederösterreich. Auch rund um Ulrichskirchen entstanden Lager. In der Bergmühle zwischen Ulrichskirchen, Schleinbach und Kronberg lebten 60 bis 100 jüdische Zwangsarbeiter unter katastrophalen Bedingungen. Viele stammten aus der Batschka im heutigen Serbien. Sie mussten schwerste Erdarbeiten am Rußbach verrichten – oft ohne ausreichende Kleidung, Nahrung oder medizinische Versorgung. Der Zeitzeuge Joseph Carmel erinnerte sich an die Deportation aus dem ungarischen Ghetto Baja: Vier Tage dauerte die Fahrt im verschlossenen Güterwagen, ohne Wasser und Nahrung. Tote lagen zwischen den Lebenden. Besonders eindringlich sind auch die Erinnerungen von Peter Rosenfeld, der damals fünf Jahre alt war. In Strasshof wurde er von seiner Mutter getrennt, erst beim Weitertransport Richtung Wolkersdorf fand sich die Familie wieder wieder. Vom Bahnhof mussten die Menschen zu Fuß zur Bergmühle marschieren, wo sie Zwangsarbeit und Leid erwartete. Die Gefangenen erhielten meist nur dünne Gemüsesuppe. Hunger, Krankheiten und Kälte bestimmten den Alltag. Dennoch gab es stille Zeichen der Menschlichkeit: Manche Ulrichskirchner versteckten Lebensmittel für die Gefangenen oder tauschten heimlich Nahrung gegen kleine Wertgegenstände. Andere schauten weg oder unterstützten das NS-Regime. Die Erinnerungen der Überlebenden zeigen, wie eng Mitgefühl, Angst und Anpassung damals nebeneinanderlagen. 

„Vagheit“, das Mahnmal in Ulrichskirchen, errichtet von Wilfired Swoboda. © Swoboda

Nach dem Krieg geriet dieses Kapitel lange in Vergessenheit. Erst Jahrzehnte später begann die Aufarbeitung. Peter Rosenfeld, dessen Familie später nach Mexiko auswanderte, kehrte noch einmal ins Weinviertel zurück. Sichtbar wurde die Geschichte schließlich durch den Film seiner Nichte Sandra Rosenfeld und das Mahnmal „Vagheit“ des Künstlers Wilfried Swoboda, das im Herbst 2025 am Rußbach in Ulrichskirchen enthüllt wurde. 

Vom Naturfluss zum Abzugsgraben – und zurück 

Mit den Regulierungen des 19. und 20. Jahrhunderts verschwand vielerorts der natürliche Charakter des Rußbachs. Das Wasser wurde schneller abgeleitet, mit dem Ziel, Hochwässer einzudämmen, Siedlungen zu schützen und neue landwirtschaftliche Flächen zu gewinnen. Doch damit gingen zugleich Überschwemmungsflächen, Nebengewässer und Feuchtbiotope verloren und verstärkten obendrein die Hochwassergefahr flussabwärts. Gleichzeitig verschwand wertvoller Lebensraum für Tiere und Pflanzen. Erst gegen Ende des 20. Jahrhunderts setzte ein Umdenken ein. Renaturierung statt bloßer Begradigung lautete nun die Devise. Retentionsräume entstanden, Ufer wurden aufgeweitet und Kleingewässer angelegt. 

Der Rußbach – wichtig für die Landwirtchaft. © Fotostudio Semrad

Eine entscheidende Veränderung brachte 1992 die Einbindung des Marchfeldkanals, und seither wird der Rußbach mit Donauwasser gespeist. Der Grundwasserspiegel stieg, ausgetrocknete Abschnitte erhielten wieder eine konstante Wasserführung. Auch technisch wurde nachgebessert: Nach dem Hochwasser 2004 entstand in Wolkersdorf ein modernes, fischpassierbares Wehr. Statt starrer Betonbauten setzt man heute auf Lösungen, die Hochwasserschutz und Ökologie verbinden. Trotzdem bleibt der Rußbach ein typisches Weinviertler Gewässer: ruhig, lössfarben, oft unscheinbar und doch landschaftlich vielseitig und reizvoll. 

Dschungelfeeling im Marchfeld. © Karina Seidl

Der „Marchfelder Dschungel“ 

Vor allem Kanufahrer haben den Bach längst entdeckt. Seit der Einleitung des Marchfeldkanals ist eine ganzjährige Befahrung ab Deutsch-Wagram möglich. Wer hier paddelt, erlebt die Region aus einer völlig neuen Perspektive. Die rund 30 Kilometer lange Strecke Richtung Engelhartstetten überrascht mit dichter Ufervegetation, engen Kurven und stillen Schilfzonen. Immer wieder verändert der Bach sein Gesicht. Manchmal fühlt er sich tatsächlich wie ein kleiner Amazonas an. Weiden streifen das Gesicht, umgestürzte Bäume blockieren den Weg und verwandeln die Fahrt plötzlich in einen Hindernisparcours. Dann heißt es aussteigen, das Kanu über die Böschung tragen und sich durch den „Marchfelder Dschungel“ kämpfen. Kleine Wehranlagen sorgen für Stromschnellen, überraschend kräftige Strömungen verlangen Konzentration. Gerade im letzten Drittel zeigt der Bach noch einmal sein anderes Antlitz: breiter, flacher, windanfälliger. Die Strömung nimmt ab und die letzten Kilometer werden zur Kraftprobe – und zugleich zu einem intensiven Naturerlebnis. 

Die Mühlen 

Heute gilt das Weinviertel als trockene Landschaft. Doch entlang von Rußbach, Zaya, Schmida oder Pulkau lagen einst ausgedehnte Feuchtgebiete mit Schilf- und Röhrichtflächen. Schilfernte und Weidennutzung waren wichtige Wirtschaftsfaktoren. Durch die Begradigung ging viel von dieser Vegetation verloren, wiewohl Weiden später wieder ausgesetzt wurden. Ab dem Spätmittelalter entstanden zusätzlich Fischteiche und Mühlen. Die Blütezeit der Fischzucht im 17. Jahrhundert machte das Weinviertel zeitweise sogar bedeutender als das Waldviertel. Die Müller mussten der Herrschaft laut historischen Quellen jährlich eine Abgabe in Form eines großen Fischessens liefern. 

1855 standen allein am Rußbach 25 Mühlen, von Wetzelsdorf im Westen bis Groißenbrunn nahe der March im Osten, drei davon in Wolkersdorf. Bereits im 16. Jahrhundert tauchen die Rußbach-Müller im sogenannten Meisterbuch auf – zunächst noch als Teil der Mistelbacher Zunft, später als eigene Vereinigung mit wachsendem Selbstbewusstsein. Aus dem Jahr 1681 stammt das überlieferte Zunftrecht der Rußbach-Müller, das Mühlenrecht wurde vom Kaiser vergeben. Zunächst arbeiteten die Müller im Auftrag der Herrschaft, ehe viele ihre Mühlen selbst erwarben und über Generationen zu beachtlichem Wohlstand gelangten. Dass dieser Wohlstand nicht nur wirtschaftlich, sondern auch gesellschaftlich sichtbar wurde, zeigt die bis heute erhaltene Müllerwohnung in Niedersulz: Dort steht ein Klavier – einst ein Statussymbol des aufstrebenden Bürgertums und Ausdruck jenes Selbstverständnisses, das sich entlang des Rußbachs entwickelte. 

Die Rußbachmühlen. © Edition Winkler-Hermaden (2), re. Karl-Nemecek

„Im kaiserlichen Mühlenrecht war alles geregelt, von der Ausbildung bis zu Freizeitvergnügungen. Sogar Details über die Wanderschaft, über das Kartenspiel und die Befähigung für Gesellen und Meister“, sagt Wolfgang Galler. Sitz der Zunft war Ulrichskirchen, und bei Fronleichnamsprozessionen präsentierten die Müller stolz ihre monumentalen Zunftfahnen. Mit dem Aufkommen der Dampfmühlen begann jedoch der Niedergang, denn die neuen Betriebe produzierten billiger und unabhängig vom Wasserstand. Aber zumindest vorübergehend eröffnete das Verschwinden der klassischen Wassermühlen einen neuen Erwerbszweig. Die wohlhabende Wiener Stadtgesellschaft entdeckte gegen Ende des 19. Jahrhunderts die Sommerfrische und mit ihr die romantisch verklärte Welt der Weinviertler Mühlenlandschaft. Was man in der Großstadt vermisste, fand sich plötzlich nur wenige Bahnstationen entfernt: rauschende Bäche, schattige Gastgärten und die Idylle des Landlebens. Von der Luisenmühle etwa ist eine Ansichtskarte aus dem späten 19. Jahrhundert erhalten, die das Gebäude bereits als Kaffeehaus zeigt. Der Schritt lag nahe, denn mit dem Mühlenrecht waren traditionell auch Ausschank- und Backrechte verbunden. „Das führte naturgemäß immer wieder zu Streitigkeiten mit den Bäckern“, sagt Wolfgang Galler. Mit dem Bahnanschluss Wolkersdorfs 1870 eroberten Wiener Sommerfrischler das Weinviertel. Franz Schleifer verwandelte seine Mühle im Alten Markt sogar in ein modernes Naturbad mit Holzarchitektur und Umkleidekabinen. 

Rußbachmündung und mittendrin. © Fotostudio Semrad

Wirtschaftlich spielt der Rußbach heute nur noch eine Nebenrolle. Für die Region bleibt er dennoch unverzichtbar: Über ihn und andere Bäche wird Donauwasser ins Marchfeld geleitet – ein künstliches Lebenselixier gegen das Austrocknen der Landschaft. Doch der eigentliche Reiz des Rußbachs liegt in seiner Geschichte. Er ist weit mehr als ein Bachlauf. In seinem ruhigen, oft unscheinbaren Verlauf erzählt er vom ständigen Wandel des Weinviertels, von Hochwasser und Dürre, von technischen Eingriffen und verlorenen Landschaften, aber auch vom Versuch, der Natur wieder ihren Platz zu geben. 

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