Ein Richter, der Opern schrieb

Beitragsbild: 1914 Trafik am Platz © Sammlung Herbert Unger

Manche Straßennamen erzählen mehr als sie auf den ersten Blick vermuten lassen. Wer betrachtet beim Wolkersdorf-Sightseeing eingehend den Julius-Bittner-Platz? Dabei gehört er zu jenen Orten, hinter denen sich beinahe ein Roman verbirgt: die Geschichte eines Mannes, der zwischen Gerichtssaal und Notenpapier zu einem der erfolgreichsten Opernkomponisten der Donaumonarchie wurde. 

Julius Bittner Platz 1900 © Sammlung Fragner

Der Julius Bittner Platz heute. @ Regina Courtier

Die meisten gehen im Schlosspark von Wolkersdorf am Denkmal eines berühmten Mannes vorbei, ohne ihn zu beachten. Hier schweigt Julius Bittner in Stein, zu seinen Lebzeiten ließ er hingegen ganze Opernhäuser erklingen. Doch bevor er auf den großen Bühnen der Monarchie gefeiert wurde, war er Bezirksrichter in Wolkersdorf. Tagsüber entschied er über Besitzstreitigkeiten, Erbschaften und die kleinen Dramen des Alltags. Am Abend schob er die Akten zur Seite, erfand andere Welten, schuf Opernfiguren. Dann verwandelte sich der Jurist in einen Künstler, saß über Partituren, schrieb Texte und komponierte Musik. 

Große Namen, große Förderer

Wolkersdorf wurde für viele Jahre zu seinem Schaffensort. Geboren 1874 als Sohn eines Richters, schien sein Weg zunächst vorgezeichnet, und er schlug die juristische Laufbahn ein. Gleichzeitig begleitete ihn seine zweite Leidenschaft: die Musik. Früh erhielt er kompositorische Ausbildung, Förderer wie Franz Schalk und Bruno Walter erkannten sein Talent. Selbst Gustav Mahler soll auf den jungen Komponisten aufmerksam geworden sein. Trotz dieser vielversprechenden Kontakte arbeitete Bittner zunächst im Weinviertler Alltag, während andere Komponisten in Kaffeehäusern und Salons verkehrten. „Der Musikant“ hieß die Oper, die während seiner Zeit in Wolkersdorf entstand und für die er nicht nur die Musik, sondern auch das gesamte Libretto selbst schrieb. Das Werk erzählt die Geschichte eines wandernden Geigers, eines idealistischen Künstlers, der sich nicht Ruhm und Geld verschreiben will. Als seine Geliebte eine Karriere an einem Fürstenhof beginnt, stehen Liebe und Freiheit plötzlich gegeneinander. Am Ende zieht der Geiger allein weiter. Die Oper wurde 1909 veröffentlicht, und für die Gestaltung konnte niemand Geringerer als der Secessionskünstler Koloman Moser gewonnen werden. Am 12. April 1910 wurde „Der Musikant“ an der k.u.k. Hofoper in Wien uraufgeführt. Bruno Walter stand am Dirigentenpult, und das Publikum war begeistert. 


Koloman_Moser_-_Der_Musikant_-_1909-
Koloman Moser "Der Musikant" 1909.

In den folgenden Jahren gehörte Bittner zu den meistgespielten österreichischen Komponisten seiner Zeit. Werke wie „Die rote Gret“, „Das höllische Gold“ oder „Das Veilchen“ wurden auf zahlreichen Bühnen aufgeführt. Seine Musik verband spätromantische Klangfülle mit volksliedhaften Melodien und österreichischen Stoffen. Kritiker nannten ihn später den „Anzengruber der Oper“, nicht immer respektvoll gemeint, aber durchaus treffend. Denn wie der große Volksdichter interessierte sich auch Bittner für die Menschen, ihre Geschichten und ihre Heimat, und seine Verbindung aus Kunstanspruch und Bodenständigkeit begeisterte sein Publikum. Dabei blieb Bittner keineswegs auf das Komponieren beschränkt. Er schrieb Musikkritiken für bedeutende Zeitungen, arbeitete als Feuilletonist, war Präsident des Wiener Tonkünstlervereins und später der AKM. Zeitweise gab er gemeinsam mit dem Kulturpolitiker David Josef Bach die renommierte Musikzeitschrift „Der Merker“ heraus. Bis 1920 blieb er dem Bezirksgericht verbunden, danach wechselte er ins Justizministerium nach Wien.  

Gedenktafel und Büste in Wolkersdorf. © Werdin

Nach seinem Tod im Jahr 1939 änderte sich der Musikgeschmack. Die Moderne verdrängte viele Vertreter der Spätromantik. Bittners Opern verschwanden nach und nach von den Spielplänen, und dennoch ist er in Wolkersdorf präsent geblieben. Der Julius-Bittner-Platz erinnert an ihn, im Schlosspark wacht seine Büste über Spaziergänger, und eine Gedenktafel am Kirchenplatz 4 markiert jenes Haus, in dem er lebte. Dort schrieb ein Richter Operngeschichte, ohne zu ahnen, dass sein Wirken hundert Jahre später noch im Ortsbild nachhallen würde. Wolkersdorf gab ihm ein Gericht, und Julius Bittner machte daraus eine Bühne. 

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