Wenn Ottos Mops kotzt und Schiller schweigt
Beitragsbild: Günter Schweitzer
Bachmann, Schiller, Ringelnatz und Jandl an einem Abend? Was nach einem literarischen Zufallsgenerator klingt, war in Gänserndorf Programm. Die Theaterproduktion „Des Künstlers Wahrheit – Skurrile geDichte“ servierte ihrem Publikum einen Abend, an dem Sprache gedehnt, gestaucht, zerlegt und wieder neu zusammengesetzt wurde.





Temporeiche Sprachspielereien dramaturgisch in Szene gesetzt. © Ulrike Potmesil
Eine Aufführung weit mehr als klassisches Theater. Ein öffentliches Experiment sozusagen, bei dem die Zuschauerinnen und Zuschauer live miterleben konnten, wie Wörter zerlegt und Sätze bewusst verschluckt wurden. Schillers Don Carlos schrumpfte zur Fünf-Minuten-Pantomime, aus Shakespeares berühmter Balkonszene zwischen Romeo und Julia wurde ein fragendes „Ju – hu – hu?“. Die These dahinter: Durch skurrile Verfremdung lassen sich die eigentlichen Aussagen von Texten manchmal klarer erkennen. „Es handelt sich um ein zusammenhängendes, modernes Gesamtkunstwerk“, beschreibt Herbert Hagenbüchler, Leiter der Gänserndorfer Theatergruppe, der gemeinsam mit Elfriede Kammerer Regie führte.



Regie, Jury, Moderation … alles dabei. © Ulrike Potmesil
Schon der Auftakt machte deutlich, wohin die Reise gehen würde: Gibt es einen Zusammenhang zwischen den Wörtern „Gedicht“ und „dicht“ – und wenn ja, warum eigentlich nur im Deutschen? Von dieser Frage aus entwickelte sich ein Abend, der zum wilden Mix aus Sprachbasteleien, Performance, Lesung, Tanz und Musik geriet. So las Mitchi Menclik-Drabek aus Mitzi Barellis „Zauberkoralle“, während Regine Koth-Afzelius stilistisch raffinierte Passagen aus „Homo Tapir” und pikante Szenen aus „Die Kunstliebhaberin“ zum Besten gab. Das Vokalensemble The Red Shoes sang augenzwinkernd den Nina-Hagen-Song:
Sie will ein Fisch im Wasser sein,
im flaschengrünen, tiefen See.
Sie will mit Wasser sich besaufen
Und paar Blasen blubbern lassen.
„Im Dialekt schreim“ hörte man von Herbert Eigner-Kobenz, während ein Damentrio aus Fagott, Akkordeon und Klarinette Haydns „Überraschungssymphonie” neu interpretierte. Spätestens als sich die Darsteller zu Fritz Eckengas „Der Wein war ein Gedicht” lallend und scheinbar sternhagelvoll über den Bühnenboden kugelten, Ottos Mops seinem literarischen Ruf gerecht wurde und die Jury großzügig 22 von zehn Punkten vergab, war klar: Hier gelten andere Gesetze der sprachlichen Logik.







Ein wilder literarischer Mix wurde in der Stadthalle Gänserndorf geboten. © Ulrike Potmesil, Selma Heaney
Als wäre das experimentelle Sammelsurium nicht bunt genug, wurde zu brasilianischen Rhythmen Samba getanzt, zu klassischen Klängen Ballett. Und wer sich bis dahin immer noch nicht abgeholt fühlte, wurde kurzerhand direkt angesprochen. Beim Improvisationstheater waren schließlich mutige Freiwillige aus dem Publikum gefragt, ihre ganz persönliche Performance auf die Bühne zu bringen.


Das Musikerinnen-Trio und das Regie-Duo. © Ul
Überraschend, temporeich und herrlich schräg. Ein Abend, der bewies, dass Kunst dann am spannendsten ist, wenn sie sich konsequent weigert, in eine Schublade zu passen.
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