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Wie die Suche nach alten Fotos das Weinviertel eroberte – Faszination Topothek

Titelbild: Postkarte von Mannsdorf/Donau aus der Privatsammlung von Ilse Windisch, Topothekarin von Orth/Donau.

Eine Topothek ist ein virtuelles, lokales Online-Archiv, das historische Dokumente, Fotografien, Karten sowie Audio- und Videoaufzeichnungen aus Privatbesitz sammelt, digitalisiert und der Öffentlichkeit zugänglich macht. Der Name stammt aus dem Altgriechischen und setzt sich aus den Wörtern tópos (Ort, Thema) und thékē (Aufbewahrungsort, Behälter) zusammen. Analog zu Begriffen wie Bibliothek oder Videothek bedeutet Topothek sinngemäß „Ortssammlung“ oder „Themenspeicher“.
Damit wäre vorerst einmal der Begriff geklärt.

Die Anfänge im Weinviertel

Am 1. Jänner 2015 ging die Stadtgemeinde Wolkersdorf im Bezirk Mistelbach als erste Topothek des Weinviertels online. Zeitgleich erhielt auch die Katastralgemeinde Obersdorf ihre eigene Plattform. Es folgten die wesentlich kleineren Katastralgemeinden Riedenthal, Pfösing und Münichsthal.
Eine ungewöhnliche Vorgehensweise, denn üblicherweise werden Katastralgemeinden in die Topothek ihrer Großgemeinde integriert. Wolkersdorf entschied sich jedoch bewusst dafür, jeder Ortschaft ihren eigenen digitalen Erinnerungsraum zu geben. Eine Lösung, die den einzelnen Gemeinden viel Eigenständigkeit ermöglicht.
Betreut wird die Wolkersdorfer Topothek von Herbert Kraus, der mit seinen Vorträgen immer wieder das Interesse an diesem besonderen Archivierungsprojekt weckt.

Fotos aus der Privatsammlung der Familie Lauda-Scheck/Pillichsdorf. 1) Kirchenplatz Wolkersdorf 2)Topothekar Herbert Kraus, 3) Kellergasse Wolkersdorf

Am 18. Februar 2018 folgte Leopoldsdorf im Marchfeld als erste Topothek des Bezirks Gänserndorf. Topothekar Horst Rupprecht betreut dort die Plattform, zu der auch die Katastralgemeinde Breitstetten gehört.
Dieses Projekt wurde von zahlreichen Nachbargemeinden aufmerksam verfolgt und fand schnell Nachahmer. Immer mehr Orte erkannten den Wert einer digitalen Sammlung historischer Erinnerungen und Dokumente.

Einen wesentlichen Anteil hatte die „Leaderregion Weinviertel Ost“, die mit Schulungen und organisatorischer Unterstützung dazu beitrug, die Idee der Topotheken im gesamten Weinviertel zu verbreiten.
„Es war wirklich interessant“, erinnert sich Geschäftsführerin der Leader Region Christine Filipp. „Wir mussten den angehenden Topothekarinnen und Topothekaren – viele von ihnen bereits in Pension – erklären, wie Fotos eingescannt, online gestellt, verortet und korrekt beschriftet werden, auch die Systemabläufe mussten verinnerlicht werden. Beeindruckend war, wie schnell sie ihre Scheu vor der Technik überwunden haben. Die Freude daran, Erinnerungen zu bewahren und Neues zu entdecken, war einfach größer.“

Topothekar und Vorstand des Leopoldsdorfer Heimatmuseums Horst Rupprecht. Rechts Christine Filipp, Geschäftsführerin „Leader Region Ost“. ©Regina Courtier/Weinviertel-Remasuri

Die Idee hinter der Topothek

Geistiger Vater der Onlineplattform ist der Grafikdesigner Alexander Schatek.
Seine Motivation war denkbar einfach. Er besaß unzählige historische Fotos, Dokumente, Landkarten und Erinnerungsstücke, fand jedoch nie das, wonach er gerade suchte.
Die Lösung war ein digitales Archiv, in dem sämtliche Unterlagen eingescannt, mit passenden Schlagworten versehen und dadurch jederzeit auffindbar werden – ganz ohne langes Suchen.
„Bei meinen Workshops lege ich großen Wert darauf, dass jedes Foto möglichst genau verschlagwortet wird“, erklärt Schatek. „Alles, was auf dem Bild zu sehen ist, kann als Suchbegriff dienen, etwa #Kellerröhre, #Schnurrbart, #Gemeindetrommler, #Tapete, #Oberlichte oder #Nierentisch. Je detaillierter die Beschreibung, desto einfacher lassen sich später Zusammenhänge herstellen und Bilder wiederfinden.“

Alexander Schatek, der Vater aller Topotheken. Hier bei der Eröffnung der Topothek Drasenhofen. ©Regina Courtier/Weinviertel-Remasuri

Mehr als nur alte Fotos

Eine Topothek ersetzt keine Ortschronik. Sie erzählt Geschichte nicht in langen Texten, sondern durch Fotografien, Dokumente und andere Zeitzeugnisse. Betreut werden die Plattformen von engagierten ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die sorgfältig im Umgang mit historischem Material geschult werden. Dank moderner Bild-von-Bild-Digitalisierung muss heute kein einziges Foto mehr aus einem Album gelöst werden. Das gesamte Album kann vorbeigebracht werden – die Topothekare digitalisieren die Aufnahmen schonend und behandeln das Eigentum der Besitzer mit größter Sorgfalt.

Heidemarie Bauer und Team betreuen die Topothek Bad Pirawarth. Am 9. August findet von 14 bis 18 Uhr im Glockenhaus Kollnbrunn wieder ein „Tag der offenen Tür statt“. ©Regina Courtier/Weinviertel-Remasuri

Geschichte wird sichtbar

Für Alexander Schatek geht der besondere Wert der Topotheken weit über private Familienfotos hinaus. „Wie spannend muss es für Besucherinnen und Besucher sein, das historische Gesicht eines Ortes kennenzulernen?
Alte Gasthäuser, Persönlichkeiten, Landschaften oder längst verschwundene Gebäude erzählen Geschichten. Wände alter Wirtshäuser sind voll mit Fotografien die Menschen zeigen, Ereignisse und den Wandel eines Dorfes.

Auch Natur- und Landschaftsaufnahmen gewinnen mit der Zeit an Bedeutung. Wann wurde erstmals das Springkraut dokumentiert? Wo tauchte der Götterbaum auf? Wie hat sich die Landschaft verändert? Stand ein Marterl früher frei in der Sonne und ist heute von Häusern oder Bäumen umgeben? Jede Fotografie wird damit zum Beweisstück und Zeitzeugen“.
Schatek selbst würde noch einen Schritt weitergehen: „Ich würde in jeder Topothek Begriffe wie #Muster oder #Design vergeben. Dann kann ich nachvollziehen, welche Tapeten, Stoffe oder Möbel in einer bestimmten Zeit verwendet wurden. Gerade auf alten Familienfotos entdeckt man oft unzählige Details, die damals selbstverständlich waren und heute längst verschwunden sind.“

Ilse Windisch ist für die Topothek Orth/Donau zuständig. Sie lässt auch gerne einen Blick in ihre Privatsammlungen zu und dokumentiert damit ihr Interesse an dieser Arbeit. ©Regina Courtier/Weinviertel-Remasuri

Der persönliche Bezug macht den Unterschied

Der eigentliche Reiz einer Topothek liegt jedoch in ihrer emotionalen Dimension.
Man entdeckt plötzlich Bilder von Festen, auf denen man selbst zu sehen ist, ohne jemals gewusst zu haben, dass man fotografiert wurde. Vielleicht hat ein völlig unbekannter Besucher damals den Auslöser gedrückt. Jahrzehnte später taucht dieses Foto wieder auf und wird Teil der eigenen Geschichte.

„Das kann man endlos weiterspinnen“, sinniert Schatek. „Topotheken sichern die Beweise der Alltagskultur der Menschen.“

Alte Ansichtskarten aus den privaten Sammlungen der Familie Lauda-Scheck aus Pillichsdorf sowie Ilse Windisch aus Orht/Donau.1) Bad Pirawarth, 2) Gasthaus „Zum lustigen Fischer“ in Mannsdorf/Donau, 3) Eine Postkarte aus Marchegg.

Ein Blick in die Vergangenheit lohnt sich

Immer mehr Gemeinden verfügen mittlerweile über eine eigene Topothek. Wer wissen möchte, ob auch der eigene Heimatort bereits dabei ist, kann beim Gemeindeamt nachfragen oder im Internet recherchieren.

Hat man die passende Topothek gefunden, beginnt meist eine faszinierende Reise in die Vergangenheit an der jedermann teilnehmen darf. Sie wird voll sein mit Erinnerungen, überraschenden Entdeckungen und Geschichten, die ohne diese digitalen Archive vielleicht für immer verloren gegangen wären.

Topothek Bad Pirawarth am Tag der offenen Tür, ein Haufen alter Fotos aus der Sammlung Courtier und eine Jubiläumsveranstaltung der Topothek Spannberg
©Regina Courtier/Weinviertel-Remasuri

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